Zum menschlichen Dasein

Geschrieben von Seriola am 21.01.2007 16:27:00:

Es ist ziemlich deprimierend zu beobachten, mit welch trauriger Regelmäßigkeit aus interessierten und einfallsreichen Kindern Erwachsene mit einem ziemlich langweiligen Innenleben zu werden pflegen. Vielleicht muss ein derartiger Verlauf aber nicht als unabwendbar hingenommen werden?
Ist es nicht denkbar, dass die Chance einer rechtzeitigen (zur rechten Zeit erfolgenden) Entdeckung der außerhalb des Horizontes der eigenen Alltagsexistenz gelegenen Wirklichkeiten immunisieren könnte gegen die abtötende Wirkung lebenslanger Gewöhnungsprozesse?
Zeit meines Lebens hat mich der Gedanke an die bedrückend große Zahl der Menschen verfolgt, die - ohne es zu wissen niemals wirklich zu vollen Leben erwachen. Die den Raum ihrer geistigen Existenz während der uns zugemessenen knappen Zeitspanne zwischen Geburt und Tod nicht annähernd auszufüllen imstande sind, weil sie dem seelischen Abnutzungsprozess alltäglicher Gewöhnung erliegen, ohne der Weite des ihnen grundsätzlich offenstehenden Welthorizonts überhaupt gewahr zu werden. Auch bei ihnen handelt es sich um Fälle nicht gelebten Lebens, so lebhaft sie in ihrer Alltagswelt äußerlich auch zu agieren scheinen.
Haben wir einen solchen Zustand womöglich als eine Art partielle seelische Blindheit aufzufassen, die sich infolge des Ausbleibens eines stimulierenden Schlüsselerlebnisses in einer sensiblen Phase während der Entwicklungsjahre einstellt? Vieles spricht dagegen, dass es so simpel zugeht. Auf der anderen Seite aber ist die Verantwortung der Umgebung unübersehbar. Erschreckend deutlich wird sie in den Fällen, in denen extreme äußere Not keine Chance lässt, über die Zwänge nackten Lebenserhalts hinaus zur Besinnung kommen zu können.
In die Schuld, die wir gegenüber den am Rande des Hungertodes dahinvegetierenden Millionen in den sogenannten Entwicklungsländern auf uns laden, haben wir auch diesen Aspekt einzubeziehen. Die Menschen dort hungern nicht bloß, was allein sie qualvoll genug leiden ließe. Die bestehende politische Weltordnung, für die wir die Verantwortung mitzutragen haben, beraubt sie a priori zugleich aller Chancen, die in jedem von ihnen angelegten Möglichkeiten eigentlicher Menschwerdung verwirklichen zu können: ein Tatbestand millionenfachen Seelenmordes, der zum Himmel schreit.
Auch oberhalb der Grenzen minimaler Existenzsicherung aber, und, aus anderer Ursache, gerade in den Sphären satter Wohlhabenheit, sind, was diese Fragen angeht, schuldhafte Einflüsse der Gesellschaft anzuerkennen und heute im Prinzip auch allgemein bekannt (ohne dass sich dadurch an der Situation das geringste änderte). In unserer Wohlstandgesellschaft handelt es sich nicht um seelischen Mord, sondern eher um eine Art psychische Selbstverstümmelung. Man rennt bei den meisten Zeitgenossen schon offene Türen ein, wenn man auf die geist- und phantasietötenden Effekte einer alle Lebensbereiche, gerade die der Heranwachsenden, erfassenden Werbetechnik hinweist.
Auf eine mit Hilfe wissenschaftlicher Strategien synthetisch konstruierte Jugendkultur, welche den einzelnen seiner persönlichen Individualität beraubt, indem sie ihm unmerklich in das reibungslos funktionierende Objekt eines anonym bleibenden Systems kommerzieller Interessen verwandelt.
Denn die seelische Blindheit für die Faszination der hinter dem alltäglichen Augenschein gelegenen Wirklichkeiten tritt nicht nur als Folge abstumpfender Gewöhnung auf. In unserer Gesellschaft ist sie meist das Resultat einer schon in früher Jugend einsetzenden Blockierung der seelischen Aufnahmefähigkeit durch das von unserer zivilisatorisch organisierten Kunstwelt ausgehende Trommelfeuer belangloser Reize und Informationen. Die Kinder und Jugendliche mit gnadenloser Unwiderstehlichkeit in ihren Bann ziehende Attraktivität der realitätsfernen Video- und Internetscheinwelten stellt dafür nur ein (besonders perniziöses) Beispiel dar. Die weltweit zu beobachtenden alternativen Protestbewegungen erscheinen mir in diesem Zusammenhang primär als Symptome einer gesunden Abwehr, die auf diese seelenzerstörenden Zwänge unserer Zivilisation mit bemerkenswerter Instinktsicherheit reagiert. Diese Behauptung behält ihre Gültigkeit als Diagnose auch dann, wenn bedauerlicherweise zuzugeben ist, dass sich solche Bewegungen durch den aggressiven Überschwang ihres Protestes im konkreten Einzelfall unnötig oft in Unrecht setzen.
Wie immer man die Frage der Ursachen auch beurteilen mag, das Phänomen der seelischen Blindheit besteht, und es ist bedrückend. Die Möglichkeit das eine individuelle Lebensspanne verstreichen kann, ohne dass der diese unwiederholbare Zeitstrecke durchlebende Mensch sich im Rahmen der ihm grundsätzlich gegebenen Möglichkeiten zur Eigentlichkeit seiner Existenz aufschwingt (wie ein Existenzphilosoph es formulieren würde), ist unüberbietbar tragisch.
Ein Mensch der zeit seines Lebens auf den engen Rahmen unmittelbarer sinnlicher Anschauung beschränkt bleibt, fristet ein Kümmerdasein gemessen an dem, was menschliche Existenz sein kann.
Ob er sich von der Beschränkung auf solche geistige Enge nun durch philosophische Besinnung befreit oder durch die Hinwendung zu den uns von der Naturwissenschaft erschlossenen Hintergründen unserer Alltagswelt, macht letztlich keinen Unterschied. Auf beiden Wegen kann man die Grenzen naiven Welterlebens hinter sich lassen und den Horizont seiner unmittelbaren Erfahrung überschreiten (transzendieren). In beiden Fällen legt dieser Schritt die Sicht frei auf die Vorraussetzungen und das Geheimnis unserer Existenz. Wer ihn einmal getan hat, der wird von da ab auch wenn er zum philosophischen Räsonieren gar nicht neigt sein Dasein und das seiner Mitmenschen mit anderen, neuen Augen sehen.



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