Entwarnung nicht, aber etwas mehr Gelassenheit

Geschrieben von blue_bear am 12.02.2007 19:26:00:

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faultier schrieb:
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Eine interessante Betrachtungsweise. Hab den Link in die Sammlung aufgenommen. Allerdings traue ich dem Frieden so nicht, denn angesichts der Volumina, die an den Finanzmärkten bewegt werden ist es wohl nicht mehr machbar, die Folgen großer Schieflagen einfach durch Einkommensverlust der Bevölkerung auszugleichen. Ich sehe also keine Entwarnung in Bezug auf einen möglichen Crash, der vom Derivatemarkt ausgehen könnte und die Banken hinwegrafft und anschließend viele kleine und große Unternehmen mitsamt ihrer abhängigen Beschäftigten und die von ihnen gespeisten Sozialkassen.


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blue-bear:
Sicherlich. Es kann alles mögliche passieren. Ich vermute aber, dass mit
der weitaus höchsten Wahrscheinlichkeit diese Kettenreaktion nicht vollends
zur Entfaltung kommt, denn dazu ist die versammelte Bankenlandschaft wohl zu
sehr darauf bedacht, auch noch in Zukunft gutes Geld zu verdienen und nicht in
der Versenkung der Geschichtsbücher zu verschwinden. Hier wäre es auch kein
Trost zu wissen, dass es der Konkurrenz nicht besser ergangen ist.
Naheliegender ist, dass man schlechtem Geld auch noch gutes hinterher
wirft (sehr wahrscheinlich auch von staatlichen Stellen), um ja dem System
kurz vor dem Aufschlag noch ein Kissen unterzuschieben. Dies liefert auch für
die nachfolgenden unumgänglichen "Reformen" eine hinreichende Begründung.
Die größten finanzpolitischen Risiken - die für die breite Bevölkerung in
letzter Zeit meist unter dem Begriff Hedge-Fonds zusammengefaßt wird -
sind daher sicher mit einem irrsinnigen Aufwand gesichert, als
der etwas plumpe Begriff "Schnelleingreiftruppe" oder auch "plunge protection
team (PPT)" es suggerieren können.
Kurzum: Es stellt sich also die Frage, wie stark man persönlich bei der
Risikovorsorge einen größeren Bankenzusammenbruch berücksichtigen muss.
Aus meiner persönlichen Sicht würde mich dieses Szenario z.B. nicht direkt
treffen, da ich weder in diesem Bereich abhängig beschäftigt bin, noch
übermäßig Aktien halte, denen ich selbst bei Totalverlust länger als zwei Tage
nachweinen würde.
Die indirekte Abhängigkeit über die Sozialkassen muss ich wohl hinnehmen.
Allerdings richten sich meine Anstrengungen z.B. daraufhin aus, beim
Renteneintritt die erworbenen Ansprüche an die staatliche Sozialkasse
höchstens als Zubrot und nicht als Haupteinkommen zu nutzen.
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faultier schrieb:

.... Es reicht aus, wenn man schon einmal einige Äußerlichkeiten langsam verändert, sich vom Job trennt, ein bescheidenes Haus auf dem Dorf kauft und den Protzschlitten gegen ein zerschrammtes Allzweckauto eintauscht.
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blue-bear:
Richtig, sehe ich genauso. Der langsame Niedergang eröffnet die Möglichkeit,
die persönliche Einkommens- und Ausgabensituation sowie eigene Bedürfnisse
neu zu ordnen.
Dies klingt sehr unspektakulär. Ist es wohl auch, aber es erfordert Geduld
und klare Einsicht sowie die Fähigkeit, seinen eigenes Leben kritisch
analysieren zu können.
Es bleibt sicherlich noch einige Zeit, dann daraus geeignete Schlussfolgerungen
zu ziehen und Hektik ist sicher fehl am Platz.
In diesem Zusammenhang hoffe ja immer noch darauf, dass Begriffe wie "Crash",
"Weltkrieg" oder "Untergang" wieder mit etwas mehr Vorsicht verwendet werden,
da ansonsten nicht nur der Superlativ sondern in diesen Fällen viel wichtiger
der Komparativ zur Quantifizierung der Entwicklung schwierig anzuwenden ist.

Weiterhin möchte ich noch anmerken, dass die im Link beschriebene langsame
Verarmung sicher auch den Finanzoligarchen und sog. Weltherrschern am besten
passen würde. Denn dies würde die stabilen Strukturen am wenigsten erschüttern
und erlaubt ihnen ggf. in ihrem Sinne angemessene Reaktionen.
Mögliche Gegner werden sich zwar formieren und organisieren, aber die
bestehenden Strukturen werden noch recht lange ausreichen bzw. geeignet
modifiziert werden können, dass hier kein großer Handlungsbedarf besteht.
Für diejenigen die ein (nur) geringes Vermögen zu verteidigen haben, könnte ein
Rückzugsquartier jedoch nicht uninteressant sein, da die formierte Gegnerschaft
in kleinerer Gruppenstärke sicherlich zunächst die am schwächsten gesicherten
und in kurzer Reichweite gelegenen Kleinvermögen befällt.
Aber auch hier stellt sich sicherlich bei den meisten Lesern (wie auch bei mir)
die Frage der Priorität, zumal dieses Ausweichquartier i.d.R. laufende Mittel
(z.B. Geld, Zeit) bindet, die in einer prä-anarchischen Phase u.U. an anderer
Stelle erheblich sinnvoller verwendet werden könnten.
Abschließend bleibt für mich wieder einmal die Erkenntnis, dass jede
Vermögensrettung stark von den eigenen Randbedingungen abhängt und diese in
einem ersten Schritt umfassend zu analysieren und zu bewerten sind.
Erst im Zweiten Schritt sollte die Erarbeitung einer möglichst flexiblen
Strategie stehen, die nach der in der persönlichen Einschätzung
wahrscheinlichsten (gesellschafts-)politischen Entwicklung ausgerichtet ist.
Viele Grüße,
blue-bear



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