Gibt es überhaupt "leistungslose Einkommen" ?

Geschrieben von Niederbayer am 10.05.2017 09:36:33:

Gibt es überhaupt "leistungslose Einkommen" ?

Es stellt sich die Frage, ob man im Kapitalismus, wo Vertragsfreiheit herrscht, überhaupt von "leistungslosen Einkommen" reden kann.

Die völkische Agitation gegen den Kapitalismus bspw. trennt auch in s.g. "raffendes" (Börse, Bank, freie Finanzmärkte etc.) und "schaffendes Kapital" (Industrie, Handwerker, "ehrliche Arbeit').

Vorerst sei zu erwähnen, dass Geldzinsen, Dividenden aus Aktien etc. aus Angebot und Nachfrage (nach Kapital) entstammen, weil in kapitalistischen Märkten immer (monetäre) Knappheit herrscht und Vorfinanzierungen (Fremdkapital oder Beteiligungen) nötig sind, bspw. um Zeit für ein Unternehmen "zu erkaufen" oder das Unternehmen stärker zu machen.

Das ergibt sich bspw. daraus, dass individuelle Ausgabe- und Einnahmenpläne in der VoWi nicht vollständig kongruent sind Mit anderen Worten: Man kann den jeweiligen Geldbesitzer nicht verantwortlich machen, wenn er andere Zeitpräferenzen oder Güterpräferenzen hat hinsichtlich des Konsums.

Der Unternehmer muss also warten, bis er seine Einnahme-Pläne auf dem Markt realisiert hat und braucht dafür Liquidität zur Überbrückung, die er eigentlich nicht hat, da entweder nicht genug Kunden seine Leistungen innerhalb einer Zeitperiode nachfragen oder weil die Produktionskapazitäten nicht ausreichen, um alle Vorfinanzierungen möglichst schnell zu tilgen.

Andere Gründe sind angestrebtes Wachstum eines Unternehmens oder davon unabhängig hoher Investitionsdruck durch Konkurrenz, um das Unternehmen überhaupt auf dem Markt zu halten - Kaum ein großer Konzern (es sei denn mit Monopolstellung) kann es z.B. sich leisten, Schulden tatsächlich zurückzuzahlen und sich auszuruhen.

Vielmehr versucht er zu wachsen, um auf dieser Basis weitere Kredite zu erhalten, mit Hilfe derer er seinen Betrieb laufend ausbaut und modernisiert um gute Ware zum besten Preis anbieten zu können bzw. um seine Konkurrenten auszustechen! Usw...usf.

Wirtschaftende, welche Geld nachfragen, wollen sich also Optionen verschaffen zu ihrem Vorteil. Dafür sind sie bereit, eine Prämie zu bezahlen (Dividende/Zins).

Wo beidseitige Verträge geschlossen werden, macht es in diesem Sinne wenig Sinn, von "leistungslos" zu sprechen.

Eine monetäre Beteiligung (Aktien, Anleihen) ist ergo eine "Leistung". Ich gebe meine Verfügungsrechte über mein Geld auf /schränke meine Optionen ein zugunsten der Pläne/der Optionen eines Dritten.
Mitunter habe ich sogar ein gewisses Risiko (je nach Risikostreuung), mein Kapital zu verlieren. Für das alles will der Geldbesitzer also eine monetäre Gegenleistung.

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Zudem weiß ich nicht, ob ihr es schon wusstest, dass auch (Hoch-)Löhne (und Lohnnebenkosten) zum Teil "leistungslose Einkommen" sind, da sämtliche Umsätze eines Unternehmens (aus denen die Lohnausgaben stammen) nicht unbedingt "Früchte der Arbeit" sind sondern zum Teil auch Knappheitseinkommen aus Wettbewerbsvorteilen darstellen, welche sich z.B. aus Knowhow/Patente/Technologie, Informationsvorteil, Standortvorteil, Preisvorteile beim Einkauf, Refinanzierungsvorteile (eingebrachtes Gläubiger- bzw. Aktienkapital), etc. auf dem globalen Markt ergeben.

Ich bringe mich zwar persönlich in den Betrieb ein, stelle also meine Arbeitskraft und Zeit („Leistung“) zur Verfügung, es gibt aber andere Arbeitnehmer innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette auf dem globalen Markt, die für den gleichen oder höheren Einsatz von Zeit u. Arbeit mitunter weniger Einkommen beziehen, weil sie weniger Vorteile aus den genannten Knappheiten ziehen können und deren Unternehmen somit höhere Kosten und weniger Umsätze haben.

Sie haben bspw. schlechtere Maschinen/Material, einen ungünstigen Standort, weniger Bonität für Refinanzierungskapital, keine Mengenvorteile im Einkauf, weniger staatliche Subventionen etc. oder gar ein ungünstigeres Rechtssystem, was ihnen nicht erlaubt, ihre Rechte auf dem Markt durchzusetzen. Oder sie werden bzgl. der Rohstoffe und Arbeitskraft (Vorprodukte) ausgebeutet/erpresst. Es findet also kein fairer Wettbewerb statt.

Fielen diese genannten Knappheiten/Vorteile in den Hochlohnländern mehr oder weniger weg, sänken ergo die Umsätze und somit die (Hoch-)Löhne. Von daher werden in Rumänien oder irgendwo in Afrika für die gleiche oder mehr "Leistung" weniger Geld bezahlt.

Vor allem fremde monetäre Kapitalbeteiligungen oder Gläubigerkapital (welche Angestellte u.U. im eigenen Unternehmen nicht leisten können/wollen) geben dem Unternehmen mehr (strategische) Optionen auf dem Wettbewerbsmarkt.

Wie sieht es speziell mit Einkünften aus Vermietung und Verpachtung von Immobilien (Häuser, Boden) aus?

Wenn man hier von leistungslosen Einkommen spricht, müsste man in vielen Betrieben (egal ob Handwerk oder Industrie) ebenfalls zumindest teilweise von leistungslos sprechen. Wie ich eben schon beschrieben hatte, sind auch deren Einkünfte nicht die Früchte aus reiner "Arbeit" sondern Knappheitseinkünfte auf dem Markt.

Die Divergenz zwischen "Arm und Reich" auf den globalen Märkten ergibt sich also nicht NUR durch direkte Kapitaleinkommen sondern auch via der Lohneinkommen, da auch die Lohnbezieher von den Knappheitsprämien (Sach- oder Finanzkapital) profitieren.

Gruß

Vertraue nur deinem eigenen Arsch. Er steht immer hinter dir.


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