Die Negativzinstheorie von Silvio Gesell

Geschrieben von Niederbayer am 10.05.2017 10:34:08:

Mit Negativzinsen wollte der Ökonom Silvio Gesell Krisen bekämpfen.

Auf der Basis von Beobachtungen einer tiefen Wirtschaftskrise in Argentinien um 1890, entwickelte der Ökonom Silvio Gesell eine Theorie: Der Staat müsse dafür sorgen, dass Geld nicht gehortet sondern ausgegeben wird. Dazu müsse Geld wie alle anderen Dinge in der Natur beschaffen sein: Es soll im Zeitverlauf „verderben“ und dadurch an Wert verlieren. In der Praxis könne dies dadurch erreicht werden, in dem sich das Geld quasi permanent selbst entwertet und an Kaufkraft verliert – also mit Negativzinsen behaftet ist. Das so bezeichnete „Freigeld“ sollte Konsum und Wirtschaftswachstum stimulieren, schnell zirkulieren und die Arbeitslosigkeit senken.

Die Praxis sieht allerdings anders aus.

Besonders in deflationären Perioden (welche besonders nach "externen Schocks" wie bspw. das Platzen von asset-bubbles auftreten), nehmen Haushalte eher Verluste durch nominale Negativzinsen in Kauf, als langfristig zu investieren. Das hat mit dem Risiko zu tun, welches sich erhöht. Investiert wird nur noch bei hohen Risikoprämien von denjenigen Haushalten, die sich Risiko leisten können und hohe Einkommen und dementsprechend auch ein höheres Risikoprofil im Sparportfolio haben.

Ganz im Gegenteil, die OECD hat festgestellt, dass insbesondere in Ländern mit Negativzinsen die privaten Haushalte ihre Sparanstrengungen sogar erhöht haben.
Das werden wohl hauptsächlich die Klein - und MIttelsparer sein.

Auch Unternehmer investieren bei negativen Erwartungen nicht, auch nicht bei Negativzinsen. Wo negative Erwartungen sind, wird nicht investiert, weil die Verluste höher sein könnten als der Negativzins. Dann bleibt es bei Bestandsinvestitionen bzw. man baut Kosten eher ab anstatt zu investieren, um somit den negativen Nominalzins auszugleichen

Negativzinsen werden u.U. auch als Verluste einkalkuliert und falls möglich in Preisen übergewälzt. Keiner würde sich aber in waghalsige Investitionen stürzen. Negativzins wirkt dann lediglich wie eine Art Steuererhöhung auf die Unternehmer, das ist alles. Aber selbst, wenn keine Überwälzungsmöglichkeit und knallharter Preiswettbewerb in allen Marktsegmenten bestünde, würden Unternehmer eher Kostensenkungen vornehmen sprich Abbau von Arbeitsplätzen bzw. Überkapazitäten.

Warum fielen nach der letzten Krise die Geldvermögen?

Nicht weil alle wegen dem Negativzins die Sparer alle fleißig enthorten und investieren, so dass Schuldner nun schneller tilgen können (wie ich irgendwo im FW Forum gelesen habe) sondern weil in einer Deflation nachweislich allgemein mehr Schulden getilgt wurden als Neukredite von Banken erzeugt wurden. Das hat mit dem „ENThorten“ herzlich wenig zu tun sondern damit, dass bonitäre Kreditnehmer fehlen und somit die Neuverschuldung sinkt.

Zudem müssen institutionelle Anleger, welche ja den größten Teil des gesparten Geldes der Haushalte treuhänderisch verwalten und anlegen, auf ihr Risikoprofil achten. Sie können zwischengeparktes Geld bspw. auf Tagesgeldkonten u.ä. nicht plötzlich in langfristige Anlagen umschichten, wenn das Investitionsklima schlecht ist bzw. die Kreditnachfrage zurückgeht, weshalb viele nach der Krise auch in Staatsanleihen mit hoher Bonität geflüchtet sind. Ebenso absurd wäre es, wenn die Haushalte ihr Geld nun in kurzlebigen Konsum verpulvern, wenn sie für längerlebige und hochpreisige Güter oder für ihre Kinder sparen.

Ein gut konstruiertes Geldwesen muss auch einen Sparüberhang aushalten können, ohne die Sparer zu bestrafen. Es muss also möglichst zinslose Kreditmöglichkeiten (auch mit staatlichen Bürgschaften) in einer Deflation geben oder Möglichkeiten, dass der Staat begrenzt Geld schöpfen darf (neben Anleihenemission), die Verwendung aber über das (europäische) Parlament kontrolliert ist. Es geht also darum, dass diese staatlichen Investitionen nachhaltig sein müssen. Gleichzeitig braucht es eine Fiskalunion in bestimmten Teilbereichen (bspw. Körperschaftssteuer, Erbschaftssteuer)

Mit freiwirtschaftlichen Konzepten abgeleitet aus dem Tauschparadigma, komme wir heute nicht weiter und wir sollten solche verstaubten Theorien ad acta legen.

- Die Freiwirtschaft, wie auch andere monetäre Theorien, bezieht sich generell nur auf die gängigen Tauschtheorien von Geld und Zins, und auch Gesell unterlag irrtümlicherweise dem Tauschparadigma und er beschäftigte sich nicht näher mit der Herkunft des Geldes, es erschien ihm eher nebensächlich zu sein.

In der heutigen Kredit-Wirtschaft ist aber bzgl. von monetären Transaktionen die Tauschmittelfunktion nicht die genuine Funktion des Geldes sondern die Zahlungsfunktion bzw. Schuldentilgungsfunktion.
Das ist ein riesiger Unterschied, denn nun kommen verpfändbare Eigentumstitel/Eigentumsoperationen ins Spiel - bzw. die Aufspaltung in Besitzseite (Nutzungsseite) und Eigentumsseite (Rechtstitel) - schwankende Beleihungswerte von verpfändbaren Assets etc., Wertberichtigungen in Bilanzen, Fristentransformationen usw. usf.

Es mag wohl jedem klar sein, dass aus tauschtheoretischen Überlegungen heraus niemals ökonomische Konstrukte entstehen können, in welchen plötzlich Eigentumsoperationen ablaufen.
Daraus allein ergibt sich bereits schon unmittelbar die Erklärung dafür, wieso eine tauschtheoretische ökonomische Lehre nicht bis zum eigentlichen Kern der Geldverfassung vordringen kann, wieso sie auch nicht zu einem wirklichen Verständnis des Kreditvertrages gelangt -

Ein neuer Ansatz wäre die Plurale Ökonmie, denn im Grunde genommen geht es heute nicht mehr nur um Makroökonomie! Makro ist schön und gut.
Aber es geht um die Mikrofundierung! Darüber wird sich das neue ökonomische Denken entwickeln.

Es gibt nämlich keine „Theorie des Marktes".

Heinsohn/Steiger waren immerhin ein super Anfang die privatrechtliche Seite anzusehen. Aber es gibt die öffentlich-rechtliche Seite auch. Und zwar nicht "nur" als "Macht

Einen Nobelpreis verdient, wer einerseits die Mikrofundierung hinbekommt (und damit z.B. die spezielle europäische Situation erklären kann: z.B. fehlendes verlässliches Privatrecht und fehlende fiskalische Infrastruktur um verlässlich Steuerforderungen eintreiben zu können in Griechenland) und andererseits das Ganze in eine Makroöknomische (besser: gesamtwirtschaftliche) Wirtschaftspolitik transformieren kann. Also eine Wirtschaftspolitik, die über den Monetarismus (Quantitätsgleichung) und den Keynesianismus (NIPA accounts) und auch über Copeland (Flow of Funds accounts) oder Theorien wie die Freiwirtschaft u.a. marktradikalen Ideen hinaus geht!


Gruß

Vertraue nur deinem eigenen Arsch. Er steht immer hinter dir.


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