Über Krisentheorien

Geschrieben von Niederbayer am 18.05.2017 07:35:10:

Weder der Neukeynesianismus noch der Monetarismus oder die Neuklassik (bürgerliche Mainstreamökonomien) oder die marxsche Krisentheorie erklären die Krise vollständig bzw. bringen FÜR SICH ALLEIN geeignete Ursachenerklärungen und Lösungen.

Auch der Keynesianismus bzw. die linkskeynesianische Unterkonsumtionstheorie und die Theorie vom finanzmarktgetriebenen Kapitalismus sind unzureichend. (Dazu gleich mehr).

Das gleiche gilt für die „natürliche Wirtschaftsordnung“ von Silvio Gesell, - In der Tradition des „Manchesterliberalismus“ - dessen Schwächen ich bereits in mehreren Beiträgen angerissen hatte.
Auch diese Theorie propagiert eine Ordnung, die von selber, ohne fremdes Zutun steht und nur dem freien Spiel der Kräfte überlassen zu werden braucht.

Bei all der edlen Freiheitsgesinnung hätten die Manchesterliberalen jedoch übersehen, dass für den freien Wettbewerb zunächst eine freie „Kampfbahn“ geschaffen werden müsse. Dies möchte die Freiwirtschaftslehre besorgen und erscheint damit als Vorläufer des Neoliberalismus.
Dazu empfehle ich auch: Kritik der Freiwirtschaft nach Silvio Gesell (von Rahim Taghizadegan)

Der vorherrschende Modellplatonismus, mangelnde Selbstreflexion und fehlende Methoden- und Theorienvielfalt haben jedoch in eine Sackgasse geführt und die Einseitigkeit ökonomischen Denkens trägt auch zur anhaltenden Wirtschaftskrise und der damit einhergehenden Perspektivlosigkeit.

Jede Theorie hat aber ihre blinden Flecken und werden im „Kampf der Narrative“ jeweils nur noch politisch missbraucht, um einseitige Interessen durchzusetzen.

Das gleiche gilt für die modell-platonische angebotsorientierte Neoklassik mit ihrer Stabilitäts- und Harmoniethese, wo sich alles von selbst korrigiert und „der Markt“ immer zum Gleichgewicht strebt. Da spielen Krisen erst keine große Rolle bzw. werden lediglich als „externe Schocks“ betrachtet.

Die Neoklassik sagt z.B: Wer arbeiten will, muss die Lohnforderung soweit senken, bis die Lohngüter dem „Grenzprodukt der Arbeit" entsprechen. Wer einen höheren Lohn fordert, habe freiwillig die Arbeitslosigkeit gewählt.

Nur lässt sich das Grenzprodukt aber nicht einheitlich bestimmen, denn eine Fertigungsstraße von VW lässt sich nicht addieren mit den Backöfen der Bäckereien. Sie kann deshalb auch keine Aussage treffen, ob der Lohn zu hoch ist. Es fehlt der Maßstab.

Keynes erkannte damals, dass eine wirklichkeitsnahe Theorie fehlte, die vor allem die unverschuldete Arbeitslosigkeit erklären kann. Auch die Kritik am Sayschen Theorem „das Angebot schafft seine Nachfrage“ brachte er wieder mit ein (welches Sismondi schon Anfang des 19. Jh. kritisierte und die Nachfragelücke in Zusammenhang mit der Verteilungsfrage brachte).

Die neoklassischen Ökonomen sagten hingegen: Jeder der arbeiten möchte, findet Arbeit, wenn er nur bereit wäre, weniger Lohn zu fordern. Es gebe keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit. Wer arbeitslos sei, sei freiwillig arbeitslos. Er habe sich für die Freizeit entschieden, weil der Nutzen der Freizeit größer sei als der Nutzen der Lohngüter, die er durch Arbeit genießen kann. Arbeitslosigkeit sei selbst verschuldet

Keynes führte die „Nachfragelücke“ ein. Der Staat muss also diese Lücke durch eigene Nachfrage schließen, um die Krise abzumildern oder gar vollständig zu beseitigen. Und das schafft er am besten mit schuldenfinanzierten Staatsausgaben.

Er wollte die Bremse für die Kapitalakkumulation beseitigen, indem er dem Staat empfahl, irgendwelche Nachfrage zu schaffen, egal ob nützliche oder unnütze und verschwenderische Dinge geschaffen werden (auch Kriegsausgaben). Hauptsache, die Geschäfte kommen in Schwung und die Unternehmen machen Profite, damit sie wieder investieren und Arbeiter einstellen.

Zudem wollte Keynes die Reallöhne senken - hier folgte der der klassischen Theorie - weil er der Meinung war, dass die Beschäftigung nur zunehmen kann, wenn die Rate der Reallöhne gleichzeitig fällt. Wenn die Beschäftigung zunimmt, muss somit auf kurze Sicht die Entschädigung, je Arbeitseinheit in Lohngütern ausgedrückt, im
Allgemeinen fallen, und die Gewinne müssen zunehmen.

Die von Keynes ins Spiel gebrachte Nachfragelücke hat aber kaum zu einem besseren Verständnis der Krisen beigetragen.

Er führt dazu eine Reihe „psychologischer Gesetze“ an, die erklären sollten, warum eine Nachfragelücke möglich ist wie bspw. der sinkende Hang zum Verbrauch oder Hang zum Sparen. Er verwandelte die spezifischen Gesetze der kapitalistischen Warenwirtschaft in Gesetze der menschlichen Natur. Der Befreiungsschlag, den Keynes mit der Zertrümmerung des Sayschen Dogmas vornahm, führte aber lediglich zu einer Psychologisierung der Theorie.

Der Kapitalismus ist somit auch hier rein gewaschen. Eine Alternative dazu scheint ausgeschlossen, schon weil die Art des Wirtschaftens ganz der menschlichen Natur folgt.
Aber Keynes verteidigte das bestehende System nicht nur ideologisch. Seine Ratschläge für die Politik dienten zugleich der praktischen Verteidigung.
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Neoklassiker (und teilweise auch Keynesianer) führen heute zudem gelegentlich das Fehlverhalten von Notenbanken als weiteren Krisengrund (externen Schock) an. Schuld an der Immobilienkrise von 2007 soll Alan Greenspan, der damalige US-Notenbankchef, gehabt haben.

Sein Verschulden: Er senkte 2002/2004 zu stark die Zinsen. Die Zinssenkung habe zur Immobilienblase geführt. Diese Blase sei geplatzt, als die US-Notenbank Fed die Zinsen zu stark anhob. Das Platzen der Immobilienblase habe die kerngesunde Realwirtschaft infiziert und die große Krise verursacht.
Auch hier das gleiche Muster: Das Marksystem ist stabil, wird aber durch ein Fehlverhalten erschüttert.

In dieses Schema passt auch die Bankenschelte. Banken hätten aus Profitsucht risikoreiche Wertpapiere verkauft oder Betrügereien begangen. All das mag ja richtig sein. Aber aus solch einem Verhalten eine Krise zu erklären, ist äußerst fragwürdig.
Wieder dasselbe Schema: Das kapitalistische Marktsystem ist kerngesund, gewisse Akteure, hier die Banken, haben sich falsch verhalten.

Karl Marx sah ebenfalls die Nachfragelücke inhärent im Kernprozess des Kapitalismus und betonte zudem die Notwendigkeit der Beseitigung der kapitalistischen Produktionsweise.

Die produzierte Ware muss immer verkauft werden, weil der Kapitalist sie nicht selbst verbrauchen kann. Erst wenn er den Tauschwert in Geld realisiert, kann er die Ware kaufen, die er selbst benötigt. Verkauf und Kauf bilden somit eine innere Einheit. Sie sind als Bestimmung in der Ware enthalten.

Verkauf und Kauf können sich aber auch gegeneinander verselbständigen. Denn der Verkäufer muss keineswegs kaufen, nur weil er selbst verkauft hat. Verkauft er, ohne selbst zu kaufen, entsteht eine Nachfrage-Lücke.
Eine solche Nachfragelücke hat weitreichende Konsequenzen: Stockt der Absatz bei dem einen Warenproduzent, dann wirkt das auf die Zulieferbetriebe zurück. Folgen der Absatzstockung sind schrumpfende Produktion, Arbeitslosigkeit etc.

Nach Marx geht die Krise aus der kapitalistischen Wirtschaftsweise selbst hervor. Die Akkumulation sei notwendig ein krisenzyklischer Prozess. Die Verteilungsfrage spielt bei Marx schon deshalb eine große Rolle, weil der endlose Drang des Kapitals, den Profit zu steigern, die Lohndrückerei als Kehrseite enthält. Diese „antagonistischen Verteilungsverhältnisse“ begrenzen die Konsumgüternachfrage. Hier liegt ein Teil der Marktlücke begründet.

Das Auf und Ab der Wirtschaft, die mal größere, dann mal wieder weniger große Massenarbeitslosigkeit, die damit einhergehenden „Verelendungsprozesse“ sind im Rahmen des Kapitalismus nicht abzuschaffen. Um die Krise mit all seinen Folgen los zu werden, muss der Kapitalismus selbst beseitigt werden.

Der Staat ist lt. Marx in den Akkumulationszusammenhang eingebunden und kann deshalb die Wirtschaft nicht nachhaltig stabilisieren. Greift der Staat stabilisierend ein, schafft er neue Probleme, die in der Zukunft die Krise nur verschärfen.

Durch massive staatliche Interventionen (Bürgschaften bzw. Übernahme von Verwertungsrisiken, QE der Notenbanken und Bad Banks) konnte die Krise 3009 abgeschwächt werden. Die hochverschuldeten Staaten und die aufgeblähten Bilanzen der Notenbanken sind allerdings eine schwere Bürde für die nächste Krise.
Dann würde die Glaubwürdigkeit der Notenbanken auf dem Spiel stehen.
Man darf also gespannt sein, wie der Test der Schlussfolgerung von Marx ausgehen wird.

Die Plurale Theorie hingegen untersucht viele verschiedene Theorien und bezieht sie mit ein, verhart zudem nicht in einer einzigen modellhaften Erklärung oder im Monokausalismus oder bedient einseitige ideologische Interessen.
Eigentlich geht es nicht nur um Makroökonomie, wie man an den ganzen Theorien mit ihren blinden Flecken erkennen kann. Es geht um mehr Mikrofundierung! Darüber wird sich das neue ökonomische Denken entwickeln.

Eigentlich gibt ges auch keine allgemeine taugliche Theorie des Marktes.

Heinsohn/Steiger waren ein guter Anfang, die privatrechtliche Seite anzusehen. Aber es gibt auch die öffentliche Seite - allerdings nicht "nur" als "Macht

Einen Nobelpreis verdient, wer einerseits die Mikrofundierung berücksichtigt (und damit z.B. die spezielle europäische Situation erklären kann wie fehlendes verlässliches Privatrecht und fehlende fiskalische Infrastruktur um verlässlich Steuerforderungen eintreiben zu können in Griechenland) und andererseits das Ganze in eine Makroöknomische (besser: gesamtwirtschaftliche) Wirtschaftspolitik transformieren kann. Also eine Wirtschaftspolitik, die über den Monetarismus (Quantitätsgleichung) und den Keynesianismus (NIPA accounts) und auch über Copeland (Flow of Funds accounts) hinaus geht!

Was wir allerdings erkennen können ist, dass die großen Wachstumsphasen in den älteren Industrieländern vorbei sind (und werden überwiegend von den Schwellenländern noch befeuert). Wir nähern uns also, wie Keynes voraussagte, einer nachfragetheoretisch zu begründenden Wachstumsabschwächung bzw. Stagnation.

Es bräuchte aber eigentlich eine radikale Reorganisation statt einer „Konjunkturregulierung“ oder staatliche Ausgabenprogramme, welche Strukturen mitunter nur noch mehr verzerren oder verfestigen.

Selbst Keynesianer können mMn ein ausgewachsenes System mit marginaler Grenznutzenerzeugung nicht retten. Ebenso wie bei einem alten, ausgewachsenen Baum nützt irgendwann das Düngen nicht mehr.
Es braucht also eine Rückkopplung im System, welche aber keynesianische Maßnahmen, zum Beispiel mittels staatlicher Ausgabensteigerungen die Arbeitslosigkeit reduzieren zu wollen, anscheinend nicht leisten können.
Auch die Freiwirtschaft hilft uns mit ihren vereinfachten modellhaften Denken nicht weiter.


Joseph Tainter „diminishing returns" können im Alltag überall beobachtet werden, wenn man nur die Augen aufmacht. Um mit Keynes zu überleben, müssten diese „returns" auch mal wieder steigen. Tun sie aber nicht denn das Pulver ist fast verschossen, bei der Produktdifferenzierung, beim EROEI, beim Leben auf Pump, bei der Jobkreation etc.
Ein bisschen geht vielleicht noch - aber nur ein bisschen.

Doch alles hat ein Ende auch nicht Keynes hat zwei!

Vertraue nur deinem eigenen Arsch. Er steht immer hinter dir.


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