Die alleinige Ehe durch Mann und Frau

Geschrieben von Niederbayer am 01.07.2017 17:37:52:

…lässt sich bei tieferer Überlegung weder aus dem „Naturrecht“ ableiten noch aus einer absolut geltenden „göttlichen Moral“, welche überhaupt nicht nachgewiesen werden kann.

Insofern ist der kulturelle Zweck/Bedeutung entscheidend. Doch weder zum Überleben der Menschheit (bspw. Zeugung) braucht es heute noch eine Beschränkung auf eine hetereosexuelle Ehe (Kinder kann man auch ohne Ehe zeugen) noch für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt, da noch nicht mal nachgewiesen werden kann, dass Homosexualität eine Gesellschaft bedrohen könnte. Die Eheschließung war ursprünglich vermutlich vorrangig ein Friedens- und Bündnisvertrag zwischen Sippen und – mittels oft komplizierter Exogamie- und Endogamieregeln - ein Bindeglied zwischen Abstammungsgruppen. Zu jener Zeit hatte das somit noch Sinn.

Über die Anfänge der „Ehe“ jenseits des Tier-Mensch-Übergangsfeldes ist empirisch allerdings nichts bekannt. Selbst ausdeutbare Grabfunde der Archäologie reichen bislang nicht so weit in der Menschheitsgeschichte zurück.
Ältere Sozialevolutionisten gingen davon aus, dass zu Beginn der Menschheit Promiskuität üblich gewesen wäre, die sich anschließend zur Gruppenehe und schließlich über die Vielehe zur Einehe entwickelt hätte.
Nach der Logik, die spätere Entwicklung stelle zwangsläufig eine „höhere“ Entwicklungsform dar, müsste der heutzutage angesichts der hohen Scheidungsrate häufige Wechsel von Ehepartnern ebenfalls als „höhere“ Form der Ehe betrachtet werden, im Vergleich zu der früheren Regelform einer lebenslangen Ehe.

Monogam lebende Völker scheinen in vorchristlicher Zeit wenig verbreitet gewesen zu sein (nach Tacitus’ Schriften waren die Germanen mit ihrer Einehe eine Ausnahme unter den Barbaren der Antike, wobei es aber auch eine „Dreierehe“ Polyandrie im germanischen Kulturkreis gab.

Es sind nur wenige Gesellschaften bekannt, in der Polygynie und Polyandrie gleichzeitig praktiziert wurden (siehe Gruppenehe und Pseudogruppenehe). Vor allem durch die Expansion monotheistischer Religionen, die erfolgreiche Ausbreitung christlicher Normen und Werte in Europa und der Welt, seit dem 15. Jahrhundert in Folge christlicher Missionierung wurde die Monogamie in vielen Regionen der Welt zur vorherrschenden Eheform. Doch war im alten Judentum die Monogamie kein Zwang und ist im zeitgenössischen Islam nicht die Regel.

Ehen waren, soweit wir zurückblicken können, oftmals ganz zweckgebunden Einrichtungen, wurden bspw. geschlossen, um aristokratische Dynastien abzusichern oder auszubauen.
Bei den städtischen und bäuerlichen Unterschichten blieb sie eine wirtschaftliche Zwangsgemeinschaft.

Erst mit der Romantik entstand im Bürgertum das Ideal von der Vereinbarkeit von Liebe, Sexualität und der Ehe
Damit verbunden war die Betonung der gutbürgerlichen Sittlichkeit durch das häusliche Ehe- und Familienleben. Die Kleinfamilie stand fortan im Mittelpunkt – einhergehend mit der Reduzierung der Frauen auf ihre reine Hausfrauenrolle und der Disziplinierung der Männer durch die Verpönung von Schankwirtschaft und Prostitution. Es brauchte allerdings lange Zeit, bis sich dieses Ideal durchsetzen konnte (bspw. wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage von großen Teilen der Bevölkerung, Standesschranken, Wohnungsnot, Niedergang der Handwerke).

Als Folge des Kulturkampfes wurde das Zivilehegesetz 1874 als preußisches Landesgesetz und 1875 als Reichsgesetz eingeführt. Damit konnte die Ehe durch die staatlichen Standesämter und unabhängig vom Glaubensbekenntnis geschlossen werden. Eine kirchliche Eheschließung konnte zusätzlich nach der bürgerlich-rechtlichen Eheschließung erfolgen.

Mit der Durchsetzung der Liebesehen gingen mehrere Konsequenzen einher. Zum einen nahm der Einfluss der Familie auf die Partnerwahl zusehends ab. Zum anderen musste nun auch die Legitimität einer Scheidung akzeptiert werden.

Im Nationalsozialismus wurde die bürgerliche Ehe den Zielen des Staates unterworfen (vgl. Nürnberger Gesetze)

In den 50er Jahren blieb die Ehe in Deutschland zunächst weiterhin die einzig akzeptierte Form heterosexuellen Zusammenlebens, außerdem war sie für Frauen beinahe die einzige Gelegenheit von den Eltern weg in einen eigenen Haushalt zu ziehen. Die klassische Arbeitsteilung – Mann sichert den Unterhalt und Frau kümmert sich um Heim & Herd und die Kinder – wurde in den Fünfziger Jahren nicht hinterfragt.

Das Christentum gab der europäischen Ehe ihre spezielle Prägung. Im Vordergrund standen Monogamie, Unauflöslichkeit und der eigentliche Zweck der Ehe, die Zeugung von Kindern. Zwar sollte die Ehe auch das Überleben einer bestimmten Linie (Erbfolge) sichern, aber die Ehe betonte in erster Linie die Zweierbeziehung zwischen den Eheleuten und nicht die Beziehung zum Clan oder der Familie (im weiteren Sinne) wie in verschiedenen außereuropäischen Kulturen. Mit dieser Betonung wurde die Entwicklung zur Kernfamilie (Kinder, Eltern, evtl. noch Großeltern) gefördert.

In der heutigen modernen Gesellschaft hat die Ehe mMn durchaus Sinn, aber der Ausschluss einer homosexuellen Ehe nicht, da die Ehe an sich nicht mehr die Bedeutung bzw. Notwendigkeit hat wie früher.
Durch die homosexuelle Ehe wird die Ehe zwischen Mann und Frau auch nicht abgewertet sondern sie ist eine Ergänzung und eine Folge der Lebenswirklichkeit. Denn viele traditionelle Ehen funktionieren nicht mehr und nicht jede hetereosexuelle Ehe ist zwangsläufig die beste Heimstätte für die Entwicklung eines Kindes.

Von daher macht es Sinn, dass auch gleichgeschlechtliche Paare als Ergänzung gleichberechtigt die Ehe eingehen dürfen, um sich lebenslang Treue, Verantwortung und Liebe zu schwören, eine „Keimzelle der Gesellschaft“ zu bilden und somit die gleichen Rechte bei einer Adoption haben wie eine herkömmliche Ehe. Zumal sie ansonsten sowieso schon alle Rechte haben, nur dass es bisher „Verpartnerung“ hieß. Doch schon dieses Wort diskriminiert, weil es eine Qualitätsunterschied hervorheben will, der bei genauer Hinsicht gar nicht vorhanden ist sondern nur auf alten eingeprägten Dogmen/Vorurteilen beruht. Es soll zwanghaft an einem Ideal festgehalten werden, welches sich nicht mehr wirklich sinnvoll begründen lässt.

Denn längst ist nachgewiesen, dass adoptierte Kinder sich in Regenbogenfamilien sehr gut entwickeln und auch keine Identitätsprobleme bekommen. Zig Studien von Regenbogenfamilien zeigen übrigens , dass die Persönlichkeitsentwicklung, aber auch die schulische und berufliche Entwicklung der Kinder positiv verlaufen, auch was die Geschlechteridentität betrifft (verhalten sich typisch jungen-/mädchenhaft). Und umgekehrt, Kinder aus traditionellen Familien können auch homosexuell werden, wie jeder wohl weiß. Es ist also wohl eine reine Veranlagung.

Also auch aus dieser Sicht macht es keinen Sinn, hier noch einen Qualitätsunterschied zu machen. Zumal die Kinder halt nicht immer die Vorraussetzungen haben, dass sie zwei Identitätsvorbilder innerhalb einer Familie haben.
Man denke nur an die vielen alleinerziehenden Mütter/Väter. Jungen oder Mädchen suchen sich dann aber andere Vorbilder (als Vater/Mutterersatz). Und jede liebevolle Regenbogenfamilie ist z.B. besser als eine Ehe, die nicht funktioniert.

Es geht in erster Linie darum, ob die Beziehung/Bindung zwischen Eltern und Kind (und zwischen den Eltern) liebevoll, entwicklungsfördernd und tragend ist. Oftmals stammen die Kinder noch aus einer vorherigen heterosexuellen Beziehung, wo das Kindeswohl gefährdet war. Warum wollen wir also an alten Dogmen festhalten und nicht allen die gleichen Rechte einer Ehe zugestehen?

Und wir wollen auch erreichen, dass Kindern von homosexuellen Paaren möglichst nicht diskriminiert werden so dass das Kind irgendwann das Gefühl bekommen könnte, es wäre weniger wert. Negativ bewerten tut es erst, wenn es von außen dazu gedrängt wird z.B. durch Medien oder durch Peer-groups und es wird somit in einen Konflikt kommen. Aber nur dann, wenn es viele sind, die es ablehnen. Also vereinzelte Stigmatisierung um jeden Preis verhindern muss man gar nicht sondern den Kindern beibringen, damit umzugehen und die Gefühle auch ansprechen (auch in der Klasse). vereinzelte Hänseleien werden von diesen Kindern dann gut verarbeitet, wenn sie durch die elterliche Liebe und Erziehung aufgefangen werden. Es ist wie mit allen anderen Probleme auch, die sich Kinder in der Welt gegenüberstehen. Ich kenne selbst zwei Regenbogenfamilien hier in Berlin. Das eine Paar hat ihre 2 Kinder noch nicht mal vorbereitet auf eventuelle Diskriminierungen sondern sie wollten, dass die Kinder selbst ihren Weg finden, damit umzugehen. Die Lehrerin wusste allerdings Bescheid.

Schaut man genau hin sind es ganz bestimmte ideologische Gruppierungen, die versuchen, die Homo-Ehe zu diskriminieren, doch die Begründungen sind entweder an den Haaren herbeigezogen oder rein emotional bzw. stammen aus religiösen Dogmen ab. Emotional deshalb, weil die Gefühle/das Weltbild von konservativ denkenden Menschen verletzt wird. Doch so ist das Leben, ständig im Wandel. Irgendjemand wird immer „verletzt“

Doch was gesellschaftliche Werte sind, sollte nicht von einer Ideologie bzw. Religion bestimmt werden sondern sollte sich aus alltäglichen Lebenserfahrungen herauskristallisieren. Die Lebenswirklichkeit zeigt uns längst, dass es viele andere „Baustellen“ in unserer Gesellschaft gibt als ausgerechnet exklusiv die Ehe zwischen Mann und Frau als Ideal zu erheben. Wer sich also „verletzt“ fühlt sollte sich hinterfragen, ob die Ursache nicht eine andere ist.



Gruß

Vertraue nur deinem eigenen Arsch. Er steht immer hinter dir.


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