Da muß ich Dir widersprechen

Geschrieben von Barbara am 26.10.2018 08:37:59:

Nach der Wende sind wir ja in den Landkreis Dachau gezogen (Petershausen, nicht weit entfernt von Hipphausen (Pfaffenhofen). 1991. So konnte ich im Zeitraffer (ca. drei - vier Monate Heimatbesuch) miterleben, wie der Zusammenhalt, das Gemeinsame und die Gemeinschaft den Bach runtergingen. Ich weiß nicht, ob Du damals oder jemals in der DDR gelebt hast. Ich wollte nicht weg. Ich mußte. 70 % der DDR-Bürger wurden arbeitslos. Alles wurde verhökert und platt gemacht. Wahrscheinlich kann das kein verblödeter Wessi nachempfinden, wie es ist, wenn in einer 48.000 - Einwohnerstadt nichts mehr geht und nichts funktioniert.Wenn ein Stahlwerk mit 7.600 Beschäftigten so gut wie pleite ist und nicht mal 800 Beschäftige weiterarbeiten dürfen. Ein Stahlwerk. das Quadratkilometer groß war. (Heute nur noch Spezialstähle)
In Petershausen wohnte im Reihenhaus nebenan eine Familie, Kennzeichen am Auto Köthen (KÖT). Wir hatten FTL(Freital, nicht Fürstentum Liechtenstein, wie uns immer unterstellt wurde. Wessis eben. ;-)) dran. Im gemeinsamen Waschhaus des Reihenhauses habe ich den Papi aus Köthen einfach mal angequatscht. Er hat mich abserviert. Der Sachse. Wir haben drei Jahre Wand an Wand gewohnt und nie wieder ein Wort miteinander gesprochen. In der DDR wäre das unmöglich gewesen! Man oh man. Was haben wir für Hauspartys gefeiert. Sommer (draußen) wie Winter (im Keller). Nach der Wende zerbrach das alles. Es gab dann plötzlich Bevorzugte (z.B. die in Banken arbeiteten) und ganz viele Benachteiligte, die arbeitslos waren. Am Anfang schämten sich die Bevorzugten noch dafür und wußten nicht so recht, wie sie damit umgehen sollten. Dann zogen sie von der Neubauwohnung ins Eigenheim.

Juden hatten in der DDR null Bedeutung. Auch Israel nicht. Wir haben in der Schule immer für die Kinder in Palästina Geld gesammelt oder dafür oft Flaschen, Gläser und Altpapier zu Sero geschafft. Arafat war Stammkunde bei Honi & Co. Wir hatten Arbeit und konnten uns ein recht sorgloses Leben finanzieren. Zumindest in einer Umgebung. ML (Marxismus/Leninismus) war uns weitgehend scheißegal. Und das konnte man sogar auf Arbeit und im Kollektiv oder der sozialistischen Brigade laut sagen. Im Gegensatz zu heute. Ich meine, ich fand und finde hier in NS (Niedersachsen) keine Arbeit, weil ich Ossi bin und und weil man im Internet gegoogelt hat. Twitter bspw. Da war ich viele Jahre aktiv. Von 2009-2017 hatte ich eine eigene Web-Site (Unternehmensberatung) mit einem kritischen Blog. Also mit meinem Namen. Solchen extremen Gesinnungsterror gab es in der DDR nicht. Ich weiß nicht, was man anstellen mußte, um damals als ausreisewilliger Wirtschaftsmigrant in den Knast zu kommen. Die Ausreiseanträgler, die ich kenne. Und das waren ganz viele (vor allem aus der Oberlausitz, Freundeskreis), waren alle nicht im Knast. Mein Vater schon. Allerdings weiß ich bis heute nicht genau, warum. Erst hat er im Kaßbergknast Karl-Marx-Stadt ( https://www.mdr.de/sachsen/chemnitz/gedenkstaette-chemnitz-kassberg-haftanstalt-ddr-haeftlinge-100.html ) gesessen. später in Brandenburg. 2011 hat er sich umgebracht.


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