Besinnliches zu Pfingsten Teil 2 von 3

Geschrieben von Phil H. am 10.06.2019 09:39:14:

Auszug aus Oshos Buch Teil 2:
Buddha ist kein Theist. Aber vergesst nicht, dass er auch kein Atheist ist. Sein Nichtglaube geht so weit, dass er auch die nicht gelten lässt, die glauben, es gebe keinen Gott. Er sagt: Einfach zu behaupten, es gebe keinen Gott, genügt nicht. Wenn du kindisch bleibst, wirst du dir einen Ersatzgott schaffen.
Karl Marx etwa sagte, es gebe keinen Gott, aber dann machte er die Geschichte zum Gott. Die Geschichte übernimmt jetzt die Funktionen, die bis dahin mit der Gottesvorstellung verbunden waren. Marx ließ den Gottesgedanken allen, doch dann wurde die Geschichte das, was über alles bestimmt, die Schicksalsmacht, das etwas, das unausweichlich kommen muss. Die Geschichte bestimmt, dass der Kommunismus kommen muss, und die Geschichte bestimmt alles. Die Geschichte wird eine Art Über-Gott. Aber muss nicht etwas da sein, was über die Wirklichkeit bestimmt? Die Menschen wollen keine unbestimmte, chaotische Wirklichkeit. Sie können mit der Wirklichkeit erst etwas anfangen, wenn sie ihr Sinn und Bedeutung angedichtet und eine Gestalt gegeben haben, die der Verstand erfassen kann — um sie dann zu zerschneiden, zu analysieren, in Ursachen und Wirkungen zu zerlegen.
Auch Freud ließ den Gottesgedanken fallen, aber dann machte er das Unbewusste zum Gott.
Das Unbewusste bestimmt alles, und die Menschen sind ihm mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Das sind einfach neue Namen Gottes, neue Mythen. Freuds Psychologie ist ein neuer Gottesmythos. Der Name wird geändert, aber der Inhalt bleibt gleich. Man zieht die alten Aufkleber ab und bringt neue an. Darauf fällt man leicht herein, wenn man nicht wirklich wach ist. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen mit dem armen alten Gott. Wenn du doch immer wieder etwas erfinden musst, von dem du bestimmt bist — die Geschichte, die Wirtschaft, das Unbewusste, was auch immer —, wenn du also ohnehin nicht frei sein kannst, weshalb dann nicht bei irgendeiner Mythologie oder Theologie bleiben? Eine ist so gut wie die andere. Dein Bewusstsein bleibt kindisch, du bleibst unreif. Du suchst weiter, du suchst nach einer Vaterfigur, nach irgendetwas, das alles erklären kann, weil es der Grund von allem ist. Das reife Bewusstsein kommt ohne Suche aus, selbst wenn es keine letzte Erklärung der Dinge weiß.
Deshalb sagt Buddha: »Ich bin kein Metaphysiker.« Er hat keine Metaphysik, keine letztgültige Erklärung für alles. Er sagt nicht: »Ich habe das Rätsel gelöst.« Er sagt nicht: »Hier, ich kann euch die Wahrheit aushändigen.« Er sagt: »Das Einzige, was ich euch geben kann, ist ein Drang, ein Durst, ein leidenschaftliches Verlangen, wach und bewusst zu werden und so bewusst zu leben, dass euer Leben gelöst ist.«
Man kommt nie zu einer letzten Erklärung des Seins, niemand hat je eine geben können. Buddha spricht solcher Metaphysik jeglichen Nutzen ab. Metaphysik ist in seinen Augen ein müßiges Unterfangen. Als Erstes legt er also die Frage nach Gott als gegenstandslos beiseite.
Genauso verfährt er im nächsten Schritt mit dem Paradies und dem Himmel. Er sagt: Euer Himmel, euer Paradies, besteht aus nichts weiter als euren Wünschen, deren Befriedigung ins Jenseits, in das Leben nach dem Tod projiziert wird. Wenn man sich die Schilderungen des Paradieses im Islam, Christentum und Judentum ansieht, wird ganz klar, was er meint. Was auch immer hier unerfüllt bleibt, wird ins Jenseits projiziert. Die Wünsche sind hier wie da dieselben.
Christ, Muslim, Jude, Hindu — alle Himmel und Paradiese sind nichts weiter als Projektionen unerfüllter Wünsche, verdrängter Wünsche und vereitelter Wunscherfüllung. Sie haben natürlich auch etwas Tröstliches: »Wenn sie hier nicht erfüllt wurden, dann dort. Früher oder später wirst du Gott finden. Du musst nur immer zu ihm beten, dich fleißig vor einem Bildnis, einer Idee, einem Ideal verneigen und ihn bei Laune halten. Sieh zu, dass du Gott gefällst, und du wirst eine reiche Ernte von Lust und Befriedigung einfahren. Für deine Gebete, deine Dankbarkeit, einfahren. Für deine Gebete, deine Dankbarkeit, deine nimmermüde Ergebenheit, deine Bereitschaft, immer wieder seine Füße zu berühren, und deinen Gehorsam — das wird dein Lohn sein.«
Kein noch so gerissener Priester wird dich über dieses Leben täuschen können. Also versprechen sie Erfüllung im Jenseits. Niemand weiß etwas vom Jenseits, aber alle lassen sich gern täuschen. Käme jemand und sagte: »Gott kann deine Wünsche hier und jetzt erfüllen«, so wäre das unglaubwürdig, denn niemandes Verlangen ist je im Hier und Jetzt gestillt worden. Dann wäre ihr Gott gefährdet. Deshalb haben sie etwas sehr Schlaues erfunden: »Nach diesem Leben ...«
Ist dein Gott etwa nicht mächtig genug, deine Wünsche hier zu erfüllen? Kann er etwa nichts für dich tun, während du noch lebst? Und: Wenn er hier nichts zustande bringt, was spricht dann dafür, dass er es nach deinem Tod kann?
Buddha sagt: Mach dir das Wesen des Begehrens klar. Beobachte seine Regungen, sie können sehr subtil sein. Zweierlei wirst du entdecken: Erstens, das Begehren ist seiner Natur nach unstillbar. Zweitens, sobald du das verstanden hast, verschwindet das Begehren, und du den hast, verschwindet das Begehren, und du bist wunschlos. Das ist ein Zustand des Friedens, der Stille, der Erfüllung. Durch dein Begehren kommst du nie zur Erfüllung. Erfüllung liegt nur im Transzendieren des Begehrens.
Das Begehren bietet eine wunderbare Chance, unseren Denkapparat zu studieren — wie er funktioniert, wie seine Mechanismen aussehen. wenn du das verstanden hast, liegt bereits in diesem Verstehen die Transformation. Das Begehren verschwindet, spurlos. Und wenn du nichts mehr begehrst, findest du Erfüllung. Nicht deine Wünsche werden erfüllt; die Erfüllung liegt im Transzendieren des Begehrens.
Beachtet den Unterschied. Andere Religionen sagen: »Wünsche werden im Jenseits erfüllt.« Weltliche Philosophien postulieren, dass Wünsche im Diesseits erfüllt werden können. So sagen die Kommunisten: »Wir brauchen nur eine andere Gesellschaft, die Kapitalisten müssen gestürzt, das Proletariat an die Macht gebracht werden
Für Buddha sind beide Materialisten, und auch ich sehe beide als Materialisten. So genannte religiöse Menschen und so genannte areligiöse Menschen sitzen im selben Boot. Kein Unterschied! Hier wie dort die gleiche Haltung, die gleiche Denkweise.


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