Die Landnahme der Ungarn, Arpad, Teil 1

Geschrieben von Phil H. am 09.08.2019 12:57:39:

ARPAD UND DER VOGEL TURUL
Ähnlich wie die Wanderung des Slawenvolkes nach Böhmen, aber doch ganz anders, verlief der Zug der Magyaren, der Ungarn, aus dem Osten in ihr heutiges Land Vor mehr als tausend Jahren lebten sie noch in einem Gebiet, das zwischen den Strömen Donau und Don lag, vielleicht aber auch noch viel weiter, hinter dem Uralgebirge, im fernen Asien.
Sie waren ein kühnes, heidnisches Reitervolk und züchteten die kräftigsten, feurigsten und weißesten Pferde der Welt. Mit diesen herrlichen Tieren zogen sie über die weiten Ebenen, von einem Weideplatz zum andern. Sie lebten in Zelten und wanderten mit Sack und Pack, mit Kind und Kegel, zu Pferd und auf Wegen dahin, und wehe dem Feind, der es wagte, sie zu überfallen! Wie der Sturmwind brausten die berittenen Krieger einher und mähten mit ihren Säbeln alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. So beschützten sie den Frieden ihrer Zelte, ihrer Frauen, ihrer Kinder.
Des Nachts aber, wenn die ewigen Sterne über den weiten Himmel Asiens wanderten, da saßen oder lagen die Magyaren um ihre Wachtteuer, erzählten uralte Geschichten von Kriegen und von Helden, die heute längst vergessen sind, oder sie lauschten den weisen Reden alter, weißhaariger Männer und Frauen, von denen die Jungen allerlei lernen konnten. Manchmal sangen sie auch ihre schwermütigen Lieder, so daß es weithin über die Grassteppe hallte und die wilden Tiere auf ihren nächtlichen Pfaden innehielten und dem Gesang lauschten. Manchmal freilich waren die Magyarenstämrne auch untereinander uneins und fielen sich gegenseitig an; durch Blutrache fügten sie einander schlimme Verluste zu. Eines Tages aber wurde dieses Reitervolk von den benachbarten Petschenegen, einem wilden, unbarmherzigen Stamm, arg bedrängt und bekriegt. Im Lauf der Zeit erwies sich dieser Feind als so stark, und die Kämpfe mit ihm waren so erbittert und aufreibend, daß Arpad, der oberste Fürst der Magyaren, der Sohn des Herzogs Almos‚ die sieben übrigen Stammesfiirsten, die ihm untergeben waren, eines Abends nach einer blutigen Schlacht gegen die Petschenegen um ein Feuer zusanmmen rief und mit ihnen beriet, wie man der Not ein Ende machen könnte.
Da gab nun jeder seine Meinung kund. Es wurden alle möglichen Vorschläge gemacht, wie man die Pferde vermehren, die Waffen verbessern, die Männer ermutigen könnte, Nur Arpad schwieg. Finster und nachdenklich starrte er in das Feuer und hörte zu. Als der letzte der sieben Stammesfürsien ausgeredet hatte und Stille eintrat, erhob er sich und sagte:
»Das alles hat keinen Sinn. Die Petschenegen sind ein großes Volk, sie werden von Jahr zu Jahr zahlreicher und werden immer wieder nach unseren Weideplälzen trachten. Was hilft es uns, wenn wir noch so tapfer sind, wenn wir noch so viele Pferde züchten und Waffen schmieden? Eines Tlges werden sie uns doch überrennen, die Zelte in Brand stecken, unsere herrlichen weißen Pferde verschleppen und unsere Frauen und Kinder töten oder als Sklaven verschleppen, Nein, uns bleibt nichts Anderes übrig, als auszuwandem und uns eine neue Heimat zu suchen, in der es etwas in holen gibt und die unseren Pferden genug Weideplätze bietet. Oder wollt ihr am Ende ins Gebirge flüchten und euch dort als Hirten oder Holzfäller durchbringen? Wollt ihr unsere edlen Russe vor den Pflug spannen und as Bauern euer Brot mit sauren Schweiß verdienen? Wollt ihr das freie Reiter- und Kriegerdasein aufgeben und nicht mehr, wie bisher, mit Zelten und Wagen von Weide zu Weide ziehen? Da sprangen die sieben Starnmesfürsten erregt auf und widersprachen empört: »Nein, das wollen wir nicht. Aber wir wollen auch nicht fort von hier, wo wir geboren wurden und wo es immer noch genug reiche Nachbarn gibt! Lieber den ungewissen Kampf gegen die Petschenegen fortführen, als in die noch ungewissere Fremde!«
Doch Arpad blieb fest und sagte; »Wenn ihr mir nicht gehorcht, wird das Volk der Magyaren untergehen. Geht ihr mir aber, so wird es eines Tages viel mächtiger und angesehener sein als die wilden Petschenegen, die uns den Garaus machen wollen und von denen man trotzdem in tausend Jahren nichts mehr hören und sehen wird. Wir aber werden dann noch leben, von aller Welt geachtet. Darum befehle ich euch: Geht jetzt zu euren Stämmen rings im Lager, teilt ihnen meine Worte mit und haltet euch für morgen zum Aufbruch bereit. Wir werden dem Volk voranreiten und es seiner neuen, endgültigen Heimat entgegenführen. Wohin es gehen sell, werde ich euch morgen früh verkünden. Noch weiß ich es selber nicht. Damit aber während der langen, beschwerlichen Wanderung über Gebirge und Ströme, die uns bevorsteht, weder Uneinigkeit noch Bruderzwist noch Blutrache die sieben Stämme der Magyaren zersplittern und schwächen kann, laßt uns jetzt Blutsbrüderschaft trinken!«
Auf Arpads Befehl mußte man ihm eine hölzerne Schüssel voll Pferdemilch bringen, die Fürsten mußten ihre Messer aus dem Gurt ziehen, sich am Unterarm eine Wunde zufügen und daraus Blut in die Milch träufeln lassen.
Als der Inhalt der Schale rot gefärbt war, befahl Arpad den versammelten Fürsten, die Milch mit dem Blut bis auf den letzten Tropfen auszutrinken. Selbstverständlich hatte auch er sein Blut dareingemischt und trank mit den anderen.
»Wer von jetzt an Bruderblut vergießt, der vergießt sein eigenes«, sagte er. »Haltet Frieden untereinander, ihr Magyaren, so kann uns weder ein Mensch noch ein Dämon je überwinden, und der Gott unseres Stammes wird uns in eine glückliche Zukunft geleiten.«
Damit löste Arpad die Versammlung auf, ließ das Feuer löschen und blieb im Schweigen der Nacht allein auf der großen Ebene, auf der die Magyaren ihre Zeltstadt aufgeschlagen hatten.
Stumm umschritten die Wächter das riesige Lager, stumm hüteten die Hirten die Pferdeherden. Arpad aber erhob die Hände zum bestirnten Himmel und betete: »Ihr Götter auf den festen und auf den wandelnden Gestirnen, vor allem aber du, Gott der Magyaren, der du über meinem Volk waltest, sendet mir bei Sonnenaufgang ein Zeichen, wohin ich die sieben Stämme führen soll, damit sie endlich Frieden finden!«
Da hörte er auf einmal eine Stimme, die drang wie leises Windeswehen aus dem Himmel herab an sein Ohr: »Sorge dich nicht, Fürst Arpad, wenn es Morgen wird, werde ich dir einen Boten senden, der soll vor dir herfliegen. Wo der sich niederläßt, dort sollst auch du dich niederlassen.«
Da fiel Arpad mit dem Gesicht zu Boden und dankte der Stimme. »Nun wird mein Volk bald aus Not und Krieg erlöst sein«, dachte er und blieb in tiefen Gedanken liegen, wie er lag, die ganze Nacht.
Als sich das Firmament im Osten rötete, stand er auf, kehrte zur Zeltstadt zurück, die schon an allen Ecken und Endeneifrig abgebrochen wurde, bestieg sein schneeweißes Pferd, ritt, begleitet von den Stammesfürsten,in die Mitte des Lagers und wartete auf den geflügelten Boten. Plötzlich vernahm man ein gewaltiges Rauschen in der Luft, und als alle die Augen mit den Händen schirmten und emporblickten, sahen sie einen riesigen Turul, einen edlen Raubvogel von gewaltiger Spannweite, wie es solche nur in Asien gibt. Er zog zu ihren Häupten weite majestätische Kreise undstieß langgezogene Schreie aus.
»Das ist der Bote des Himmels«, rief Arpad voll Glück, »das Zeichen, um das ich in der vergangenen Nacht gefleht habe. Auf, Magyaren, wir reiten, wohin der Vogel uns führt, und sollten wir auch jahrelang reiten müssen! Erst wo sich der Turul vor unseren Augen niederläßt, wollen wir bleiben und Hütten bauen.«


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