Die Landnahme der Ungarn, Arpad, Teil 2

Geschrieben von Phil H. am 09.08.2019 12:58:20:

Die Magyaren brachen auf, ordneten sich in breiten Reihen mit Pferden und Wagen, mit Frauen, Kindern und Greisen zu einem langen Zug, der sich wie ein mächtiger Heerwurm über die Ebene dahinwälzte, dem königlichen Turul nach.
Der Turul flog westwärts, und so sahen denn die Magyaren Monate und Jahre hindurch die Sonne in ihrem Rücken auf- und vor ihren Augen untergehen.
Unterwegs nährten sie sich von dem Getier, das die Männer mit Pfeil und Bogen aus den Lüften oder aus Wäldern und Schluchten holten, in die der Zug nach einiger Zeit geriet. Manchmal mußte auch ein Fluß, ein Strom überquert werden, dann rückten die Fischer aus und brachten Fische, und wenn die Hirten da und dort in den Ländern, durch die sie kamen, gegen Pferde ein paar Rinder oder Schweine eintauschen konnten, gab es Milch und saftige Bratenstücke, die am Abend an den Spießen über den Lagerfeuern schmorten.
Der Turul entschwand jedesmal, wenn die Sonne unterging, in Höhen, wohin ihm kein Auge folgen konnte. Ging die Sonne auf, so stürzte er wieder rauschend aus der Luft herab, zog seine Kreise über Arpads Haupt und ermunterte die Magyaren mit seinen Schreien, die schier endlose Wanderung fortzusetzen.
Wie viele Jahre das so ging, kann heute niemand mehr sagen. Im Winter mußte natürlich ausgiebig gerastet werden, bis der Schnee schmolz, und auch während des Sommers blieb man an manchem Ort länger, weil man Heu und Hafer erbeuten oder eintauschen mußte. Auch mußten immer wieder Jagden veranstaltet werden, um das nötige Wildbret für die Hungrigen zu schaffen, und besonders tüchtige Reiter mußten als Spähtrupps nach allen Seiten das Land erkunden, um den großen Magyarenzug rechtzeitig vor feindlichen Überfällen zu sichern.
So näherten sie sich immer mehr dem Abendland und durchzogen eines Tages jene Gegend, durch welche die Flüsse Donau und Theiß fließen. Weit ritt Arpad mit den Fürsten den anderen voraus, um dieses Land besonders auszukundschaften: es hatte mächtige Weideflächen und gefiel ihm sehr gut. Als er in die Nähe der heutigen Stadt Komorn gelangte und die Sonne sich gerade im Mittag befand, stand der Turul, der bis dahin lautlos vor den Reitern einhergeflogen war, mit seinen mächtigen Schwingen rüttelnd in der Luft still und stieß gellende Schreie aus.
Erstaunt hielten die Reiter ihre Pferde an, schirmten die Augen und blickten empor. Da sahen sie, wie der Turul plötzlich die Flügel anlegte, in rasender Schnelligkeit wie ein Stein herabstürzte und über einem Hügel, der da mitten im fruchtbaren Land lag, die Schwingen blitzschnell wieder spreitete. Auf diesem Hügel verharrte er dann mit königlich erhobenem Haupt und blickte schweigend rundum.
Arpad wandte sein Roß, fegte mit den Fürsten in rasendem Galopp zurück zur Menge des wandernden Volkes, richtete sich hoch im Sattel auf und schrie voll Freude: »Der Turul hat sich niedergelassen! Dem Himmel sei Dank, wir sind am Ziel! Freut euch alle mit mir!«
Als sie dann gemeinsam zu dem Hügel inmitten der fruchtbaren Ebene kamen, erhob sich der Turul in die Lüfte, zog wie segnend einen weiten Kreis über Arpad und den Magyaren und flog dann ostwärts, in seine Heimat Asien zurück.
Das Land, in das die Magyaren gekommen waren und das heute Ungarn heißt, wurde damals von vielen Völkerstäimmen bewohnt, darunter auch von dem Volksstamm der Kumanen. Zum Teil war es von vielen durchziehenden Völkerschaften in langen Zeiten zerstört, zum Teil aber auch von fleißigen Bauern bearbeitet worden. Es gehörte damals zu einem großen Reich, das der weise, mächtige Slawenkönig Swatopluk gegründet hatte und beherrschte. Dem hatte man von dem Herannahen des kühnen Reitervolkes aus dem Osten mit Schrecken berichtet, und noch am selben Tag, da Arpad mit den Seinen am Ziel angelangt war, kam Swatopluk mit einem glänzenden Gefolge dahergeritten. Er stieg vom Pferd, ging auf Arpad zu, verneigte sich freundlich vor ihm und sprach:
»Du kommst aus weiter Ferne, sagt man mir. Kommst du als Feind oder als Freund? Oder ziehst du mit den Deinen nur durch mein Land in ein anderes? In meinem Reich schreibt man wie im ganzen übrigen Abendland das Jahr 894 nach unseres Heilands Geburt — sei gegrüßt im Namen des Herrn. Womit kann ich dir dienen, Arpad? Was begehrst du?«
Arpad, der auf alle Fragen finster geschwiegen hatte, öffnete jetzt den Mund und sagte:
»Ich begehre nichts weiter als eine Handvoll Erde, etwas Salz und einen Trunk Wasser.« Er sagte dies in einem herrischen Ton, denn er bemerkte wohl, daß Swatopluk trotz seiner höflichen Rede im Grund seines Herzens keine besondere Freude an den Magyaren hatte, die da plötzlich einen Teil seines Reiches überschwemmten.
»Eine Handvoll Erde, Salz und ein Trunk Wasser?« wiederholte Swatopluk ungläubig. »Nichts leichter und lieber als das«, meinte er, bückte sich‚ hob ein wenig Ackererde auf und reichte sie Arpad. Dannholte er aus seiner Satteltasche Salz, und schließlich befahl er einem aus seinem Gefolge, bei der nächsten Zisterne Wasser zu schöpfen und herzubringen. Arpad aber schloß die Faust über der dargebotenen Erde und sagte: »Mit dieser Erde nehme ich Besitz von allem Lande ringsum, so weit mein Volk sich darauf ausbreiten und friedliche Bauernarbeit leisten wird.«
Dann nahm er das Salz entgegen, schloß gleichfalls die Faust darum und sprach: »Mit diesem Salz nehme ich Besitz von allen Schätzen, die der Boden dieses Landes birgt: Gold, Silber, Eisen, Salz und was immer es sei. Mein Volk wird diese Schätze heben und reichen Handel damit treiben.«
Zuletzt nahm er den Becher Wasser entgegen, den Swatopluk ihm reichte, und sagte: »Und mit diesem Trunk nehme ich Besitz von allem Wasser, das dieses Land durchströmt oder das vom Himmel darauf niederfällt. Ströme und Flüsse, Bäche und Brunnen, alles ist von diesem Augenblick an, da ich diesen Becher leere, mein und meines Volkes Eigentum. Meine Götter haben mich durch einen Turul hierhergeführt, und wer sich gegen meiner Götter Führung und Gebot auflehnt, den werden meine Krieger verfolgen,bis er auf dem Boden liegt.«
Damit trank er den Becher aus und zerbrach ihn mit der bloßen Hand. »Wie aus diesem Becher kein Mensch je wieder trinken wird, so soll mich und mein Volk kein Mensch je von diesem Stück Erde ungestraft vertreiben wollen.«
Da brauste ein Jubelruf von allen Seiten auf und erfüllte die Luft so gewaltig, daß Swatopluk wohlerkannte, wie gefährlich es wäre, den Frieden dieses weither gewanderten Volkes anzutasten. »Ich habe dem listigen Fürsten Arpad mit meinen eigenen Händen Erde, Salz und Wasser übergeben, also muß ich wohl zeitlebens darauf verzichten und mich mit den übrigen Teilen meines Reiches begnügen«, dachte er schweigend und erbittert. Dann schwang er sich aufs Pferd und ritt wortlos mit seinem Gefolge von dannen.
Er kehrte auch nie mehr wieder in das Land zwischen Donau und Theiß zurück und starb noch im selben Jahr. Die Magyaren züchteten auf dem Weideland sogleich wieder ihre prächtigen Pferde undsicherten die Grenzen des Landes mit ihren Waffen, so daß die Kumanen und die anderen Bauernstämme unter ihrem Schutz in Frieden die Felder pflügen und den Ährensegen ernten konnten.
Hundert Jahre später, unter König Stefan, wurden die Magyaren seßhaft, ließen sich taufen, bauten Hütten und lernten den Pflug führen, sowie als Bergleute Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Kohle und Salz aus dem gebirgigen Teil ihres Reiches gewinnen. Ganz wie Arpad es den sieben Stammesfürsten in jener Nacht am Feuer prophezeit hatte, wurden sie ein großes, starkes Volk, das heute noch lebt, von aller Welt geachtet.


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