Das Gespräch Hermanns mit seinem Bruder Flavus

Geschrieben von Phil H. am 09.08.2019 21:34:01:

Cäsar Germanicus stand im Jahre 16 an der Weser und wollte Germanien erobern. In seinem Heer kämpfte Flavus mit, der Bruder des Hermann. An der Weser trafen sich Flavus und Hermann und riefen sich ihre Worte über den Fluss.
Wie man heraus hören kann, verstanden sich die Germanen durchaus als verwandt mit den anderen Stämmen, sprachen sogar vom gemeinsamen germanischen Vaterland.
Aus dem Buch von Ritter-Schaumburg: Hermann der Cherusker

Das Gespräch der Brüder
Es sind mehrere Ereignisse, von denen uns Tacitus nun berichtet:
Zunächst von dem Gespräch Hermanns mit seinem Bruder Flavus über die Weser hin; dann von den Vorgefechten beim heiligen Hain des Herakles (Donar); danach von der Schlacht bei Idistaviso, endlich von der Schlacht am Angrivarierdamm und der traurigen Heimfahrt der Römer. Wir haben uns hier mit allerlei Legenden auseinanderzusetzen.
Aber das Gespräch der Brüder aus den feindlichen Lagern heraus kann keine Legende sein; denn fast das ganze römische Heer und die hohen und höchsten Offiziere waren seine Zeugen. Es kann durchaus ähnlich verlaufen sein, wie Tacitus es überliefert hat, und es gibt die Gesinnung des Romsöldners wie die des freien Germanen wohl richtig wieder.
Tacitus (Annalen 11, 9) schreibt:
»Der Strom Weser floß zwischen Römern und Cheruskern. An seinem Ufer stand den übrigen Fürsten Arminius, und als nach der Frage, ob der Caesar gekommen sei, er sei da, geantwortet worden, bat er, es möchte erlaubt werden, sich mit dem Bruder zu besprechen.
Es war dieser im Heere, beigenannt »Blonder«, ausgezeichnet durch Treue und mit einem durch Verwundung verlorenen Auge vor wenigen Jahren unter der Führung des Tiberius. Dann mit Erlaubnis (ergänzt: des Feldherrn wird er von Stertinius hingeführt und als er vortritt, gegrüßt von Arminius. Dieser, nach Entfernung der Umdrängenden, fordert, daß die vor unserm Ufer verteilten Pfeilschützen abzögen, und, nachdem sie weggegangen, fragt er, woher diese Entstellung des Gesichts, den Bruder. Ihn, der Ort und Schlacht berichtet, fragt er aus, welche Belohnung er denn empfangen? Flavus erwähnt erhöhten Sold, Kette und Kranz und andere militärische Auszeichnungen, welche Arminius als feilen Sklavenlohn verlacht.
Hierauf, in entgegengesetztem Sinn, beginnen sie, dieser von der römischen Größe, der Macht des Caesars und, daß den Besiegten schwere Strafen, dem sich Ergebenden Milde zuteil werde; auch würden ihm Gattin und Sohn nicht feindselig gehalten; jener vom heiligen Recht des Vaterlandes, von der altererbten Freiheit, von den Göttern des innersten Germaniens, von der Mutter als Fürsprecher seiner Bitten: Er solle nicht seiner Nächsten, Verwandten und Nachbarn, dann seines Volkes Abtrünniger und Verräter sein als viel lieber ihr Führer. Allmählich von da aus in Streit verfallend, hätten sie sich (am liebsten) in einen Kampf eingelassen und wurden nicht einmal durch den dazwischen fließenden Strom gehindert, wenn nicht Stertinius hinzueilend den zornerfüllten und Rüstung und Roß Fordernden festgehalten hätte. Getrennt wurde andrerseits Arminius, dräuend und Schlacht ankündigend; denn das meiste warf er in lateinischer Sprache hinein als einer, der im römischen Lager als Führer des Volksaufgebots gedient hatte. «
In diesem Gespräch handelt es sich um Dinge von höchster Wichtigkeit.
Es werden die Ideale genannt, nach denen jeder der beiden sein Leben ausrichtet. Und hier wird von Hermann-Arminius der Begriff genannt, der bisher noch kaum gründlich gewürdigt worden ist: »fas patriae« = das heilige Recht (Gesetz) des Vaterlandes; und ergänzend tritt hinzu:
»penetralis Germaniae dei« = des innersten Germanien
Wir sind gewohnt, die Germanen anzusehen eine Vielzahl selbsständiger Stämme. Hier erfahren wir, daß sie in einer Einheit stehen. Diese Einheit ist sehr umfassend; denn an späterer Stelle nennt Hermann den Marbod, König der Markomannen, der ganz am Ende der germanischen Stämme in Böhmen stand, einen »Verräter des Vaterlandes«, weil er nicht an dem großen Befreiungskampf sich beteiligt hatte. Auch Marbod wurde also dem großen germanischen Vaterland zugerechnet.
Wir wissen, daß die Germanen eine staatliche Einheit nicht hatten, daß jeder Stamm für sich seine Kriege führte und seine Bündnisse schloß; also muß ihre Einheit in etwas anderem bestanden haben, in Dingen, die ihnen sehr wichtig und heilig waren, in Kult und Brauchtum, in Festen und den alten Gesängen ihres Ursprungs.
Wir denken auch daran, daß noch Jahrzehnte später, als der große Aufstand des Civilis im linksrheinischen Germanien sich erhob, die dortigen Germanen ein erbeutetes Römerschiff die Lippe hinauf bis zum Kulthain der Priesterin Veleda zogen, ihr zum Geschenk, ein Zeichen dafür, daß diese Stämme, wieweit auch vom inneren Germanien entfernt, sich zum gemeinsamen Vaterland bekannten.
Wir denken dabei auch daran, was Tacitus in der »Germania« berichtet über das Opfer im Semnonenhain und an die Worte, welche die große priesterliche Frau dem Drusus zurief, als er an der Elbe stand und im Begriffe war, sie zu überschreiten:
»Wohin willst du denn, unersättlicher Drusus? Es ist dir nicht beschieden, alles hier zu sehen!« (Dio 55, I.)
Hier also, wahrscheinlich aber auch in den Heiligtümern der einzelnen Stämme und doch wohl auch an den Externsteinen, wurden jene gemeinsamen Güter bewahrt, welche die Gallier und die anderen von den Römern unterworfenen Völker verloren hatten:
Das heilige Gesetz des Vaterlandes,
die altererbte Freiheit,
die Götter des innersten Germaniens.
Dafür kämpfte Hermann der Cherusker


Sorry, in diesem Forum dürfen nur registrierte Benutzer schreiben.

Hier klicken um sich einzuloggen