Der arme Heinrich Teil 1

Geschrieben von Phil H. am 13.08.2019 10:32:47:

DER ARME HEINRICH
Diese Geschichte gehört zu den schönsten, die je auf der Welt erzählt wurden, sie begab sich vor vielen hundert Jahren in Schwaben.
Dort lebte nämlich auf seinen Gütern ein Ritter, der hieß Heinrich von der Aue, und wenn er auch nur ein einfacher Rittersmann war, kein Fürst oder Herzog,so trug er doch eine unsichtbare Krone,die ihn über manchen König dieser Welt erhob; er hatte nämlich ein reines Herz und einen fröhlichen Sinn. Außerdem war er in allem, was er anpackte, mutig und ehrlich, und auch in schweren Zeiten verlor er niemals seine Zuversicht und seine gute Laune.
Wenn er etwas versprach, so hielt er es, auch wenn er darüber Gut und Leben verloren hätte. Sah er einen anderen Not oder Schmerzen leiden, gleich war er bereit, ihm nach besten Kräften zu helfen. Seine Ländereien verwaltete er redlich und mit viel Fleiß, und obwohl damals die Bauern noch leibeigen waren, also eigentlich ihrem Grundherrn gehörten wie ein Stück Vieh oder irgendeine Sache — die Bauern auf Heinrichs Gütern waren so freie Menschen wie er selbst. Er ließ jedem von ihnen vom Ertrag ihrer Arbeit so viel, daß sie ohne Sorge leben konnten.
Kein Wunder, daß der Ritter weit und breit keinen Feind hatte,ja vielmehr von allen Menschen geliebt wurde. Dazu war er auch noch immer guter Dinge, zu Scherz und fröhlichem Gesang aufgelegt, so daß ihn die Leute überall, wo er auftauchte, voll Freude begrüßten. Kurzum, es ging wie Sonnenwärme von ihm aus, und wen er anblickte, den verließ aller Kummer.
Ja, so war Herr Heinrich von der Aue. Er war noch jung an Jahren,ein hochgewachsener Mann mit einem dunkelbraunen Backenbart und einem Paar gütiger heller Augen.
Eines Tages aber traf ihn ein furchtbares Unglück. Aus fernen heißen Ländern wurde von Kriegern eine Seuche eingeschleppt, eine schwere Krankheit. Wen die befiel, der bekam am ganzen Leib und auch im Gesicht abscheulich eiternde Beulen, und er litt große Schmerzen. Niemand mochte einem solchen mehr in die Nähe kommen,niemand ihm auch nur die Hand reichen, er war ein armer gemiedener Mensch sein Leben lang. Von dieser schweren Krankheit wurde Herr Heinrich eines Tages befallen. Er war darüber so unendlich verzweifelt, daß er sich in sein schönes Haus verkroch, keinen Menschen sehen wollte und auch nicht mehr bei seinen Bauern auf den Gütern, in Feld oder Wald erschien. Er lachte nicht mehr, und nie mehr hörte man ihn fröhlich scherzen oder singen wie früher.
Da wurde es still ringsum im Land, und seine Untertanen trauerten um ihn,als ob er gestorben wäre.
Nachdem sich der arme Heinrich — denn so nannten ihn von Stund an alle Leute — mit seinem Unglück abgefunden hatte, so gut es ging, suchte er allerlei Ärzte auf, aber keiner konnte ihm helfen. Nur einer sagte ihm: »Geht nach Frankreich, Ritter Heinrich, in die Stadt Montpellier, dort ist eine Hohe Schule mit berühmten Ärzten,vielleicht wissen die Rat.«
Also reiste der arme Heinrich zu Pferd von seiner schwäbischen Heimat durch die bergreiche Schweiz und dann das Rhonetal hinab bis in die Stadt Montpellier, die im Süden Frankreichs liegt. Dortging er zu den berühmten Ärzten, aber auch diese schüttelten nur traurig die Köpfe und konnten ihm nicht helfen.
»Solche Krankheit spottet unserer Kunst«, sagten sie, »aber wendet Euch nach dem sonnigen Land Italien, dort gibt es in Salerno am blauen Meer einen berühmten Meister der Heilkunst, der weiß vielleicht ein Mittel, damit Ihr wieder gesund und fröhlich werdet.«
Also reiste der arme Heinrich weiter, immer an der Küste entlang, zuerst ostwärts und dann nach Süden, bis er nach vielen Wochen in der Ferne die schöne Stadt Salerno an ihrem herrlichen Golf liegen sah. Dort angekommen, ging er sogleich zu dem berühmten Arzt, öffnete sein Gewand und zeigte ihm die eiternden Beulen, mit denen Brust, Rücken und Arme bedeckt waren. Er bat ihn flehentlich, ihm doch zu helfen.
Der Arzt beschaute den Aussatz — so heißt nämlich diese Krankheit — lange, wandte sich dann betrübt ab und sagte:
»Diese Krankheit ist wohl heilbar, aber Ihr werdet trotzdem nie von ihr geheilt werden.«
»Was sollen die rätselhaften Worte?« fragte der arme Heinrich. »Gibt es ein Mittel, so nennt es mir! Wohl bin ich arm, weil ich krank bin, aber doch nicht so arm, daß ich nicht Gold genug hätte, um mir eine Medizin zu beschaffen, und wenn sie noch so teuer wäre oder aus dem fernsten Land herangeschafft werden müßte. Ich komme aus Schwaben und bin dort oben ein begüterter Mann. Also sagt mir um Gottes willen, wie ich geheilt werden kann!«
Der weise Meister aber schüttelte in tiefer Betrübnis das graue Haupt und entgegnete:
»Es nützt Euch nichts, auch wenn ich es Euch sage. Dennso viel Gold hat kein König der Welt, daß er dieses Mittel bekäme.«
»So nennt es mir!« forderte der Ritter.
Da legte ihm der Arzt voll Mitleid die Hände auf die Schultern und sagte: »Hört mich an! Wenn Ihr geheilt sein wollt, müßt Ihr mir eine Jungfrau bringen, rein und gut von Herzen, die sich freiwillig für Euch töten läßt. Aber es darf sie kein Mensch dazu überreden oder gar zwingen. Mit dem Herzblut eines solchen Mädchens könnte ich Euch von dem Aussatz befreien. Aber sagt selbst, kann es irgendwo auf der Welt jemanden geben, der freiwillig für Euch stürbe?«
Da senkte der arme Heinrich traurig den Kopf und sagte: »Nein, das gibt es wohl nicht.« Dann nahm er mit Tränen in den Augen von dem Arzt Abschied und reiste über die Alpen nach Deutschland zurück.
Als er wieder daheim war, verteilte er alle Güter, Feld und Wald, Weiden und Fischgewässer und was sonst noch ihm gehörte, auch den größten Teil seines Goldes unter seine Freunde und Untertanen. Er wollte nichts mehr besitzen, da ihm doch Gott das kostbarste Gut, das es auf der Welt gibt, für immer genommen hatte: die Gesundheit. Er verschenkte alles und behielt nur ein geringes Land, das einer seiner Bauern bewirtschaftete, den sie Pächter Gottfried nannten und der sich für alle gute Behandlung stets besonders erkenntlich gezeigt hatte. Zu diesem Bauersmann übersiedelte der arme Heinrich undsagte, als er in sein Haus einzog:
»Ich schenke dir das Anwesen samt allen Feldern, wenn du mich dafür zeitlebens in Kost und Quartier nimmst. Denn was braucht ein geschlagener Mann wie ich noch weiter als etwas Speise und Trank und eine Schlafkammer.
Bei dir, Pächter Gottfried, will ich meine Tage beschließen, sofern du dich nicht fürchtest, von mir den Aussatz zu bekommen.«
Der Pächter und sein Weib Brigitte waren überglücklich, daß Herr Heinrich, dem sie von Herzen zugetan waren, fortan bei ihnen wohnen wollte.
»Wir fürchten uns vor Eurer Krankheit nicht«, sagten sie, »Gott wird uns beschützen und Euch wohl noch heilen.«


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