Der arme Heinrich Teil 2

Geschrieben von Phil H. am 13.08.2019 10:33:28:

Nun machten sie es ihrem siechen Herrn so schön und bequem wie nur möglich, und sooft es ihre Arbeit zuließ, weilten sie bei ihm, um ihn in seinem Kummerein wenig aufzuheitern.
Sie hatten einige Kinder, Söhne und Töchter, deren jüngste, ein Kind von zwölf Jahren noch, Ottegebe hieß. Die hatte den armen Heinrich schon zu Zeiten, da er noch die weiten Ländereien ringsum besaß und ab und zu auf den Hofihres Vaters gekommen war, sehr ins Herz geschlossen, und als sie nun erfuhr, daß der Ritter für immer bei ihnen wohnen wollte, wußtesie sich vor Glück und Freude kaum zu fassen.
Tagaus, tagein saß sie zu Füßen des kranken Ritters, machte dort aus Moos und Steinenein Gärtlein für ihn oderspielte mit ihren Puppen, während er sinnend in die Ferne schaute oder in einem Buch las. Auch im Winter, wenn der arme Heinrich nicht mehr unter den Obstbäumen vor dem Haus sitzen konnte, sondern in die Stube an den warmen Ofen übersiedelte, wich sie keine Stunde von seiner Seite, hockte neben ihm auf der Ofenbank und strickte oder nähte.
Sie plauderte oft mit ihm und war so munter und vergnügt, daß er manchmal die argen Schmerzen vergaß,die ihm seineKrankheit verursachte, und ein wenig lächelte.
Ging er, was selten vorkam, einmal ins nächste Dorf, dann brachte er Ottegebe immer etwas mit, einen kleinen Spiegel, ein Haarband, einen Gürtel oder ein Ringlein, und kam er dann heim, erwartete sie ihn schon sehnsüchtig auf der Schwelle mit ihrer Puppe im Arm. Da nannte er sie jedesmal scherzend seine liebe kleine Gemahlin, und sie nannte ihn ihren lieben Herrn. Und dabei blieben sie.
So waren schon drei Jahre ins Land gegangen und Ottegebe zu einem lieblichen Mägdlein herangewachsen. Eines Winterabends nun, als der Bauer und sein Weib mit dem armen Heinrich beim schwelenden Ollämpchen saßen und die Bäuerin das Spinnrad schnurren ließ, fragte der Bauer:
»Lieber Herr, sagt mir doch einmal, ob es denn gar kein Mittel auf der weiten Welt gibt, das Euch von Eurem schrecklichen Leiden erlösen könnte? Ihr wart doch in Frankreich und in Italien bei berühmten Ärzten, hat keiner von ihnen Rat gewußt?«
»O doch«, seufzte der arme Heinrich, »in Salerno traf ich einen gar weisen Heilkünstler, aber das Mittel, das er mir nannte,ist für alles Gold der Erde nicht zu haben.«
»Was wäre denn das für eine kostbare Medizin?« fragten die Bauersleute verwundert.
»Das Herzblut einer Jungfrau, die reinen, guten Herzensist und freiwillig für mich stürbe, das würde mich vom Siechtum erretten.«
Als der arme Heinrich das gesagt hatte, warensie alle beide sehr betrübt.
»So wird unserem armen Herrn wohl nie geholfen werden können«, dachten der Bauer und die Bäuerin, und sie sprachen nicht mehrüberdesRitters Krankheit und gingen bald zu Bett.
Ottegebe aber hatte alles mit angehört, weil ihre Schlafkammer gleich neben der Stubelag, und sie war noch nicht eingeschlafen. DasLeiden ihres lieben Herrn, des armen Heinrichs, ging ihr so zu Herzen, daß sie noch lange wach lag und plötzlich mitten in der Nacht zu weinen anfing.
Das hörte die Mutter, schlich sich an ihr Bett und fragte, was sie denn habe.
»Ach«, antwortete Ottegebe, »ich weiß, wie sehr unser lieber Herrleidet, und nun weiß ich auch, was ihn erretten kann. Mutter, ich will mich gerne für ihn opfern, wenn ihn mein Herzblut gesund machen kann.«
»Kind, Kind!« rief die Mutter. »Du weißt nicht, was du redest. Sterben ist eine bittere Sache!«
»Das weiß ich, Mutter«, antwortete Ottegebe, »aber für unseren lieben Herrn Heinrich nehme ich das gerne auf mich. Schau, du hast ja noch mehr Kinder als nur mich, und was bin ich gegen den Ritter, den alle lieben?«
»Du bist unser liebes Kind«, sagte die Mutter und umarmte Ottegebe, »und so sehr wir Herrn Heinrich lieben, dieses Opfer wäre zu groß für uns und für dich!«
Ottegebe aber ließ sich nichts sagen, und als ihr am anderen Tag der Vater mit Schlägen drohte, nützte auch das nichts. Sie wollte ihr Herzblut für den armen Heinrich geben, damit er wieder ganz gesund würde und wieder singen und froh sein könnte wie früher ‚einmal. Schließlich bedrängte sie die Eltern so lange, bis sie ihr unter Tränen nachgaben und sagten:
»Wenn es Gottes Wille ist, der aus dir redet, so gehe hin, mein Kind, und rette unseren lieben Herrn; einen besseren als ihn hat es nie gegeben. Da lief Ottegebe freudestrahlend zu Herrn Heinrich in seine Kammer und sagte ihm alles und wie gerne sie für ihn sterben würde.
Anfangs erschrak der arme Heinrich sehr und versuchte es ihr auszureden. »Meine kleine Frau«, sagte er scherzend, »du weißt nicht, was du für ein Opfer bringen willst. Es ist nicht so leicht, sich das Herz aus dem Leib schneiden zu lassen.«
»Oh, es ist nicht schwer«, entgegnete das Mädchen, »ich tue es ja für Euch.«
Da ward Herr Heinrich ganz verblendet vor Freude darüber, daß er doch noch gesund werden sollte, küßte Ottegebe auf die Wange, stürzte aus seiner Kammer und eilte in die Stube. Dort fiel er dem Pächter Gottfried und seinem Weib um den Hals.
»Ich danke euch!« rief er. »Ich danke euch für eure Treue und werde es euch mein Lebtag lohnen, daß ihr mir euer Kind mit nach Salerno geben wollt, damit ich wieder gesund werde«
Und wirklich nahmen er und Ottegebe Abschied von den Bauersleuten. Herr Heinrich hatte Pferde für sich und das Mädchen satteln und zäumen lassen. Nun ritten sie viele Tage und Wochen gemeinsam durch tiefe Täler und über hohe Pässe und Berge, bis sie nach Italien kamen.
Der arme Heinrich war auf dieser Reise so glücklich, daß er ganz vergaß, daß seine liebe Ottegebe ja sterben mußte, wenn er gesund werden wollte. Er blickte die ganze Zeit voll Hoffnung zum blauen Himmel auf, dankte Gott, der ihm in seiner Barmherzigkeit doch noch das ersehnte Heilmittel gewährt hatte, und konnte es kaum erwarten, bis sie in Salerno waren.
Der berühmte Arzt erschrak nicht wenig, als er das zarte junge Mädchen erblickte und sich vorstellte, daß er dieses schöne Kind töten sollte.
Er fragte Ottegebe ein um das andere Mal: »Willst du dich wirklich freiwillig für den Ritter opfern? Hat dich niemand dazu gezwungen oder überredet? Kind, sag mir die Wahrheit, sonst fließt dein junges Blut ganz vergebens, und dein Herr bleibt trotzdem krank wie zuvor.«
»Niemand hat mich gezwungen oder überredet«, antwortete Ottegebe.
»Ich bin dem armen Heinrich ganz und gar freiwillig hierher gefolgt und bitt Euch, Meister, von Herzen, Herrn Heinrich ja nur rasch zu helfen!«


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