Der arme Heinrich Teil 3

Geschrieben von Phil H. am 13.08.2019 10:34:00:

Als der greise Arzt sah, wie heilig ernst es Ottegebe meinte, befahl er dem armen Heinrich zu warten und begab sich mit Ottegebei n ein Seitengemach, das sonst keiner außer ihm betreten durfte. Dort schob er den schweren Türriegel vor, ließ Ottegebe auf einen Stuhl niedersitzen und erklärte ihr ganz genau, wieviel sie nun zu leiden haben würde. »Ich werde dich mit Stricken hier auf die Bank binden und dir bei lebendigem Leib mit einem scharfen Messer das Herz aus der Brust schneiden. Willst du nicht doch lieber zu deinen Eltern zurückkehren, als solche Schmerzen ertragen und am Ende sterben?«
Aber Ottegebe sagte: »Meine Schmerzen werden nicht lange dauern, aber der arme Heinrich wird noch viele, viele Jahre leiden müssen, wenn er nicht gesund wird, das ist schlimmer.« Dann legte sie sich selber auf die Bank und ließ sich willig von dem Arzt fesseln.
Als dieser aber sein scharfes, langes Messer zu schleifen begann, drang der Ton durch die Tür hinaus zum armen Heinrich, und plötzlich fiel es diesem wie Schuppen von den Augen. »Wie furchtbar groß ist doch das Opfer, das meine kleine Gemahlin Ottegebe für mich bringen will«, sagte er sich, und der Klang des Messers auf dem Wetzstein schnitt ihm tief in die Seele, so daß er aufstöhnte und die Hände vors Gesicht schlug.
»Was bin ich doch für ein selbstsüchtiger Mensch«, dachte er bei sich, »daß ich ein unschuldiges Kind töten lasse, damit ich gesund werde. Nein, nein, das kann ich nicht ertragen!«
Eine namenlose Angst um Ottegebe ergriff ihn, und er begann mit den Fäusten an die Tür zu schlagen und zu rufen:
»Meister! O Meister,haltet ein!«
»Was gibt es?« fragte der Arzt, ohne mit dem Schleifen des Messers aufzuhören.
»Ich kann Euch jetzt nicht öffnen, bin gerade dabei, mein Messer zu schärfen!« .
»Laßt mich hinein! Laßt mich hinein!« rief der arme Heinrich verzweifelt und wollte am liebsten die schwere Tür einrennen.
»So geduldet Euch doch!« rief der Arzt ärgerlich. »Noch ist es nicht soweit! Erst muß ich das Herz haben, dann kann ich Euch heilen.«
»Ach, lieber Meister«, rief der arme Heinrich wieder und rüttelte an der Tür, »macht doch den Riegel auf,ich muß Euch etwas Wichtiges sagen!«
»Sagt es mir durch die Wand!«
„Nein, nein«, rief Herr Heinrich, »das kann ich nicht, Ihr müßt mich einlassen! «
Da schob der Arzt endlich den Riegel zurück undließ ihn eintreten. Der arme Heinrich sah Ottegebe gefesselt auf der Bank liegen,sah das blitzende Messer und den Wetzstein in den Händen des Arztes und sank in die Knie.
Er berührte Ottegebes Hände und rief:
»Dieses Kind soll nicht um meinetwillen sterben! Mein Gott, wie war ich doch verblendet, daß ich mit ihr hierher gereist bin! Was habe ich davon, wenn ich gesund bin und meine liebe kleine Gemahlin ist nicht mehr bei mir? Nein, lieber krank und siech sein als ohne Ottegebe gesund! Habt keine Sorge, Meister, Ihr sollt den versprochenen Lohn haben, auch wenn ich nicht gesund von Salerno heimwärts ziehe. Aber bindet das Mädchen los, und Gott verzeihe mir meinen Frevel!«
Da begann Ottegebe bitterlich zu klagen und zu weinen. »So haben denn alle Leute gelogen«, sagte sie, »die Euch einen tapferen, mutigen, treuen Ritter nannten! Warum werdet Ihr jetzt auf einmal feige und verwehrt mir, für Euch etwas Gutes zu tun? Oh,bitte, laßt mich Euch heilen,ich tue es doch so gerne!«
‚Aber der arme Heinrich bestand darauf, daß der Arzt Ottegebe sogleich losband, gab dem Meister den versprochenen Lohn und reiste noch am selben Tag mit Ottegebe wieder heim.
Währenddes ganzen langen Rittes war sie untröstlich, und Herr Heinrich konnte sie mit nichts aufheitern, auch wenn er ihr die schönsten Früchte kaufte, die schönsten Bänder und Gürtel, seidene Tücher und funkelnde Spangen,die es in den prächtigen Städten gab, durch diesie zogen. Schließlich kamen sie wieder über das Gebirge heim ins schöne Schwabenland.
Als sie in den Hof einritten und der Pächter Gottfried und sein Weib Brigitte ihre Tochter lebend wiedersahen, herzten und küßten sie sie und waren sehr, sehr glücklich. Ottegebe aber war traurig.
Nun schien alles wieder beim alten, nur daß Ottegebe stumm und betrübt umherging, weil ihr lieber Herr von seiner schweren Krankheit nicht erlöst war und wohl bald sterben mußte.
Doch siehe da, als Herr Heinrich am anderen Morgen aus dem Bett stieg, um sich zu waschen und anzukleiden, blickte er an seinem Leib hinab und bemerkte, daß er über Nacht rein geworden war. Alle eiternden Beulen waren vertrocknet und abgefallen, glatt und weiß war seine Haut wie vor Jahren,da er noch gesund gewesen.
Sogleich eilte er aus der Kammer und rief alle, den Pächter Gottfried und sein Gesinde, zusammen und zeigte ihnen glückstrahlend, daß er genesen war.
Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde der wunderbaren Heilung von Dorf zu Dorf, von einem Gut zum anderen. Von überall strömten in hellen Scharen die Freunde des Ritters herbei, um ihn zu sehen. Sie brachten ihm Freudengeschenke mit, umarmten und beglückwünschten ihn und wollten ihm alles wiedergeben, was er ihnen vor Jahren geschenkt hatte, als er sich verzweifelt von der Welt zurückzog.
Er nahm aber nicht alles an, sondern nur so viel, daß er sorglos das Leben eines einfachen Landmannes führen konnte.
»Gott, der bis in unsere Herzen schaut«, sagte er, »hat auch meine und Ottegebes Not gesehen und gewogen. Er hat mich von meinem Aussatz befreit, ohne mir meine liebe Gemahlin zu nehmen. Durch ihre Liebe und ihr Mitleid allein bin ich geheilt worden, ist es da nicht recht und billig, wenn ich dieses liebe Kind zu meiner Gemahlin mache und ihr in Liebe bis zum Tode zugetan bleibe?«
Da stimmten alle ihm zu, besonders Ottegebes glückliche Eltern, die sich von Herzen freuten, daß ihr Kind den Ritter Heinrich zum Mann bekam.
Und sie feierten eine fröhliche, prächtige Hochzeit, an der ganz Schwaben teilnahm.
Heinrich und Ottegebe lebten noch viele, viele Jahre glücklich und froh mitsammen, und als sie schon alte Leute geworden waren, starben sie beide am selben Tag und zur selben Stunde.


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