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Geschrieben von Winfried aus Chemnitz am 10.10.2006 16:57:00:

Putin wehrt sich

Von Mike Whitney

8. Oktober 2006, "Information Clearing House" -- -- Der Konflikt zwischen Rußland und Georgien sieht aus wie ein Geplänkel zwischen zwei Nachbarn wegen der Verhaftung von vier russischen Offizieren unter Spionageanklage. In Wirklichkeit ist es eine Auseinandersetzung zwischen der Bush-Administration und dem russischen Präsidenten Putin um die Kontrolle in Zentralasien. Der Einsatz könnte nicht höher sein und es scheint, daß der Brand noch einige Zeit lodern wird.

Der Zwist begann vorige Woche, als der georgische Präsident Mikhail Saakaschwili die vier Offiziere verhaftete und der Spionage anklagte. Putin protestierte vor den Vereinten Nationen gegen ihre Verhaftung und forderte ihre sofortige Freilassung. Dann rief er im Weißen Haus an und warnte kurz, daß "jede Aktion von Seiten Dritter (der Bush-Administration) als Unterstützung für Georgiens destruktive Politik angesehen würde, untragbar für die Ruhe und eine Gefährdung für Frieden und Stabilität in der Region sei." (Nachrichtenagentur Itar-Tass)

Das Telefonat zeigt, daß Putin weiß, wo der Plan entstand und wer letztlich dafür verantwortlich ist. Es veranschaulicht auch, wie sich das Verhältnis zwischen Bush und Putin ständig verschlechterte und zunehmend feindselig wird.

Saakaschwili hat daraufhin seine Hardliner-Position aufgegeben und die vier Offiziere der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) übergeben. Die UN-Organisation schickte die Männer daraufhin sofort nach Rußland zurück. Die Vereinigten Staaten blockierten in der Zwischenzeit eine Entschließung, die den Disput schnell beendet hätte. Dieser Zug wiederum verärgerte Moskau.

Was ist hier also los?

Saakaschwili ist ein amerikanischer Handlanger wie Karsai in Afghanistan. Er kam durch die von den Amerikanern finanzierte "Rosen-Revolution" an die Macht, die Eduard Schewardnadse aus dem Amt warf und durch die in Yale ausgebildete Marionette der Neokonservativen, Saakaschwili, ersetzte. Die "farbkodierten" Revolutionen wurden seitdem als US-gestützte Scharaden entlarvt, wobei NED-finanzierte (vom "Eastern Establishment", der "Ostküste") Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) den politischen Umsturz schüren, indem sie den Oppositionsparteien innerhalb der bestehenden Systeme finanzielle Mittel, Presse und logistische Unterstützung zur Verfügung stellen. Es wurde zur bevorzugten Methode des "Regimewechsels" für die westlichen Eliten, die eine Ausbreitung des Kapitalismus nach US-Vorbild durch friedliche Mittel anstelle der Gewalt wie im Irak bevorzugen.

Moskau ist auf der Abschußliste Washingtons und der Streit geht um mehr als Putins "angebliches" Abrücken von demokratischen Reformen. Putin hat sich einem auf breiter Basis stehenden Sicherheitsbündnis mit China und weiteren Schlüsselstaaten Zentralasiens angeschlossen. Unter dem Schirm der Shanghai Cooperation Organisation (SCO, = "Schanghai-Organisation für Zusammenarbeit") haben die Mitgliedsstaaten einen Zusammenschluß nach NATO-Muster gebildet, der Bushs Plan gefährdet, den amerikanischen Einfluß auf die Region auszuweiten. Das "Große Spiel" des 19. Jahrhunderts zur Kontrolle Eurasiens wird unter der Überschrift "Krieg gegen Terror" fortgesetzt und die Staaten der Region schließen sich wieder zusammen, um eine künftige amerikanische Intervention abzuwehren.

Michel Chossudovsky schrieb in seinem neuesten Artikel "Die nächste Phase des Krieges im Mittleren Osten" (Global Research):

"Militärische Übungen von Rußland, Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan wurden im Rahmen der Collective Security Treaty Organization (CSTO, = "Kollektive Sicherheitsvertrags-Organisation") Ende August begonnen. Diese Militärübungen, offiziell als Teil eines Terrorbekämpfungsprogramms deklariert, wurden durchgeführt als Antwort auf amerikanisch-israelische Bedrohungen der Region, einschließlich geplanter Angriffe auf den Iran."

Rußland führte schon früher im Jahr auch mit China gemeinsame Militärübungen aus. Sie schoben ihre traditionellen Differenzen und Verdächtigungen beiseite, um das gemeinsame Ziel einer erhöhten Sicherheit vor fremder Aggression zu erreichen. Putin wurde von Bushs fiktivem Krieg gegen Terror offensichtlich nicht hereingelegt. Wie die anderen Führer in der Region sieht auch er voraus, daß die USA sich weiterhin nach Zentralasien hineindrängen wollen, (Militär-) Basen und Pipelines installieren wollen, während sie gleichzeitig die Kontrolle über die riesigen Öl- und Erdgasvorkommen der Region anstreben.

Das politische Schwergewicht Zbigniew Brzezinski klärte über die Bedeutung von Zentralasien für die US-Pläne zu weltweiter Vorherrschaft in seinem Buch "The Grand Chessboard" (= "Das große Schachbrett") auf. Dort schreibt er:

"Seit die Kontinente vor mehr als 500 Jahren anfingen, politisch zu interagieren, ist Eurasien das Zentrum der Weltmacht."... "Für Amerika ist der höchste geopolitische Preis Eurasien - und Amerikas globale Vorherrschaft hängt direkt davon ab, wie lange und wie effektiv sein Übergewicht über den eurasischen Kontinent aufrechterhalten wird."... "Wie Amerika mit Eurasien umgeht ist entscheidend. Eurasien ist der weltgrößte Kontinent und stellt geopolitisch eine Achse dar. Eine Macht, die Eurasien dominiert, würde zwei der drei am weitesten entwickelten und wirtschaftlich produktivsten Regionen kontrollieren. Ein einfacher Blick auf die Landkarte deutet an, daß die Kontrolle über Eurasien fast automatisch die Unterordnung Afrikas nach sich zieht und sowohl die westliche Hemisphäre als auch Ozeanien geopolitisch an den Rand des zentralen Kontinents der Welt drängen würde. Rund 75% der Weltbevölkerung befindet sich in Eurasien, ebenso der Großteil des materiellen Reichtums der Welt, sowohl an Unternehmen als auch unter der Erdoberfläche. Eurasien verzeichnet 60% des Weltbruttosozialprodukts und rund drei Viertel der bekannten Energieressourcen der Welt." ("The Grand Chessboard")

Brzezinskis Buch legt den Basisplan (der im Projekt für das Neue Amerikanische Jahrhundert weiterentwickelt wurde) für die gegenwärtige Politik der Administration in Zentralasien offen. Die gegenwärtigen Manöver in Georgien sind die vorhersagbaren Ausbrüche, die aus einer Politik resultieren, die verwurzelt ist in Feindseligkeit und Expansion.

Washington hat die Deckung der Rosen- und orangenen Revolutionen benutzt, um seine "Katzenpfote" NATO weiter nach Eurasien zu schieben, mehr Militärbasen zu errichten und Rußland einzukreisen. Die NATO in der Ukraine und Georgien stellt das Äquivalent für vollausgerüstete russische (Militär-) Basen in Toronto und Tijuana dar. Kein amerikanischer Präsident würde je daran denken, so etwas zu erlauben.

Das wachsende Mißtrauen zwischen Washington und Moskau geht über Bushs Plan hinaus, die NATO in den früheren Sowjetrepubliken zu installieren. Washington ist auch nicht glücklich über Putins Nationalisierung der Ölindustrie (Gazprom) und damit den Dollar im Ölhandel abzulösen. Gerade vor ein paar Monaten kündigte Putin an, von der "internationalen Währung" (dem Greenback) auf den Rubel umzusteigen. Gegenwärtig erbringt Rußland 15,4% der täglichen Ölfördermenge, auf Platz zwei hinter Saudi-Arabien. Früher wurden Öltransaktionen nur in Dollars beziffert. Dieses de-facto Monopol im Ölhandel ist ein großer Segen für die amerikanische Wirtschaft. Es zwingt die Zentralbanken weltweit dazu, Berge von Dollars vorrätig zu halten. Laut verschiedenen Berechnungen könnten sich dort rund 4,6 Billionen Dollar befinden, entweder gelagert in den Zentralbanken oder umlaufend in Öltransaktionen.

Putins Wechsel hin zum Rubel stellt eine unmittelbare Bedrohung für die amerikanische Vorherrschaft des Dollars dar und könnte potentiell Hunderte von Milliarden Dollar zurück in die Vereinigten Staaten fließen lassen, die dort eine massive Hyperinflation und eine wirtschaftliche Kernschmelze auslösen. (Das könnte erklären, weshalb die Federal Reserve die Veröffentlichung des M-3-Berichts annulliert hat, so daß die Dollareigner nicht wissen werden, wieviele Milliarden zurückfließen werden.)

Die Vereinigten Staaten müssen ihre Vorherrschaft im Ölhandel behaupten. Sonst wird der Dollar abstürzen und das überschuldete amerikanische Empire wird in einem Ozean von roter Tinte verschwinden.

Nachdem Putin angekündigt hatte, sich vom Dollar abzuwenden, war es klar, daß Washington zurückschlagen würde, um seine Interessen zu verteidigen.

Einige Leser werden sich daran erinnern, daß Henry Kissinger vor zwei Monaten Putin einen unerwarteten Besuch in Moskau abstattete. Zu dieser Zeit war sich die Öffentlichkeit nicht bewußt, daß Kissinger zum heimlichen Beraterstab Bushs und Cheneys gehört. Kissinger warnte höchstwahrscheinlich Putin vor den möglichen Gefahren des Umstiegs auf den Rubel. Vielleicht wies er darauf hin, wie Saddam angegriffen wurde, nur sechs Monate, nachdem er auf den Euro umgestiegen war. Hugo Chavez und Ahmadinejad wurden ebenso bedroht. Der Erhalt des Petrodollar-Imperiums ist für die US-Vorherrschaft so entscheidend wie die Kontrolle über die letzten schwindenden Ölvorräte.

Zwei Monate nach Kissingers Besuch trat Saakaschwili in Aktion und verhaftete die vier russischen Offiziere. Es gibt kaum Zweifel, daß Washington hinter dem Zwischenfall steckt.

Um die wachsende Spannung zwischen dem Kreml und dem Weißen Haus zu begreifen, muß man verstehen, welchen Platz Rußland in der neokonservativen Kosmologie abhängiger Staaten einnimmt. Die National Security Strategy (NSS, ="Nationale Sicherheits-Strategie") gibt uns eine Vorstellung davon, wo Bush und Co. Rußland in ihrer imperialen Ordnung einfügen.

Sie sagt aus: (Rußland muß) "verstehen, daß Annäherungen an den Kalten Krieg nicht seinem nationalen Interesse dient und daß die strategischen Interessen Rußlands und Amerikas sich in vielen Gebieten überlappen... Wir erleichtern Rußlands Beitritt zur Welthandelsorganisation um nutzbringenden Handel und Investmentbeziehungen zu fördern. Wir haben den NATO-Rußland-Rat gegründet mit dem Ziel, die Zusammenarbeit in Sicherheitsangelegenheiten zwischen Rußland, unseren europäischen Verbündeten und uns zu vertiefen. Wir werden weiterhin die Unabhängigkeit und Stabilität der früheren Teilstaaten der Sowjetunion fördern, in dem Glauben, daß eine prosperierende und stabile Nachbarschaft Rußlands wachsende Bereitschaft zur Integration in die Euro-Atlantische Gemeinschaft verstärken wird... Rußlands unausgeglichene Haltung zu den Grundwerten von freiem Markt und Demokratie und seine zweifelhafte Geschichte in der Bekämpfung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bleiben weiterhin Punkte, die große Besorgnis erregen."

Seit Abfassung der NSS wurde Rußland (von den Vereinigten Staaten) der Beitritt zur WTO verwehrt und dafür getadelt, seine Autorität innerhalb seiner traditionellen Einflußsphäre (Ukraine, Georgien, Weißrußland usw.) aufrechterhalten zu wollen. Die NSS streicht klar heraus, was erforderlich ist, um in Bushs "Gnaden" zu bleiben: Die Erlaubnis für die NATO, die Rußland umgebenden Staaten zu militarisieren, sich den Edikten aus Washington untertänig zu fügen und die russische Wirtschaft in das von Amerikanern beherrschte Weltwirtschaftssystem zu integrieren.

Der streng nationalistisch eingestellte Putin hat sich dafür entschieden, Rußlands Souveränität und Unabhängigkeit zu wahren, was ihn auf Kollisionskurs zur Bush-Administration brachte.

Das mächtige Council on Foreign Relations (CFR, = "Rat für ausländische Beziehungen") veröffentlichte kürzlich einen Bericht, der Bush drängte, "Rußland nicht länger als strategischen Partner zu betrachten." Es konstatiert ferner, daß "Rußland ein zunehmend autoritärer Staat geworden ist mit einer Außenpolitik, die sich manchmal im Gegensatz zu den Interessen der Vereinigten Staaten und deren Verbündeten befindet." (Mitverfasser des Berichts waren der frühere Senator John Edwards und der Ex-Politiker Jack Kemp.)

Die Kampflinien wurden bezogen und Rußland wurde auf die sich ständig erweiternde Liste der Staaten der "Achse des Bösen" gesetzt, deren Widerborstigkeit sie zu logischen Zielen für US-Interventionen macht. Wir können den Einsatz einer Vielzahl von Strategien zur Destabilisierung Rußlands und, letztlich, zu einem Regimewechsel in Moskau erwarten. Die langfristigen Ziele der Bush-Administration sind schon klar. Sie zielen darauf ab, die russische Ölindustrie zu privatisieren, den Rubel durch den Dollar zu ersetzen, Putin aus dem Amt zu entfernen und Rußland davon abzuhalten, die riesigen Ölreserven des Kaspischen Beckens zu kontrollieren. Amerikas Erfolg in der Region hängt von seiner Fähigkeit ab, den russischen Staat zu schwächen, zu zerschlagen oder aufzulösen. Traditionell werden solche Ziele mittels verdeckter Operationen erreicht, durch das Aufheizen ethnischer Spannungen, durch militärische Unterstützung für Rebellen (in Tschetschenien oder wo auch immer) und durch den Aufbau von Dissidentengruppen, um politischen Aufruhr zu schüren. Wir erwarten auch hier den Einsatz der genannten Praktiken.

Die Bush-Administration hat große Pläne für Zentralasien. Es ist ein entscheidender Teil für den andauernden Krieg um die weltweiten Ressourcen. Die Verhaftung von russischen Offizieren ist nur ein kleines Geplänkel in einem zweifellos viel größeren und tödlicheren Krieg.

Von Information Clearing House genehmigte Übersetzung: Lutz Forster
Orignialtext unter http://www.informationclearinghouse.info/article15233.htm



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