Abhandlung Silvio Gesell: Bargeldloser Zahlungsverkehr, Giralgeld & Freigeld

Geschrieben von Bachforelle am 22.04.2011 19:16:55:

Hier die Abhandlung von Silvio Gesell, die er in Folge einer Kontroverse über das auch heute leidlich bekannte Thema „Giralgeld“ und Bargeldloser Zahlungsverkehr, 1921 in einer Zeitschrift veröffentlicht hat.

Es ist unverständlich (eigentlich nur bescheuert), das hier einige Leute AUSGERECHNET Gesell, beim Thema „Giralgeld“ irgendetwas unterschieben wollen. Tatsächlich unterscheiden sich seine Äußerungen und Analysen in KEINEM PUNKT(!) von denen eines Helmut Creutz!

Wobei man sagen muss, das es Creutz leichter hat als seinerzeit Gesell. Da ihm umfangreiches Datenmaterial aus erster Hand zur Verfügung steht, so das er erstmalig eine eindeutige und nachprüfbare Beweisführung vollziehen konnte, welche zu Gesell´s Zeiten vielleicht nicht unbedingt möglich gewesen ist.

Wer sich die Sichtweise Gesells über das Giralgeld zur Gemüte führt, wird das allerdings auch nicht mehr unbedingt für nötig halten, sich in umfangreiches Zahlen und Datenmaterial einzuarbeiten, um sich ein plausibles Bild zu verschaffen. Mit der gewohnten, gesell´schen Leichtigkeit und Klarheit, wird in der Abhandlung dargelegt, das es ohne Zentralbankgeld nicht geht, wobei das damalige Zentralbankgeld nur aus Bargeld bestand, die Mindestreservekonten kamen meines Wissens später.

Das Creutz & Gesell UNABHÄNGIG von einander, zu identischen Ansichten und Meinungen über Giralgeld und bargeldlosen Zahlungsverkehr gekommen sind, sei hier nur am Rande erwähnt. Ich hoffe jedenfalls, das niemand mehr den armen Gesell mit dem Buchgeld-Schwachfug in Verbindung bringt, was nach folgendem Text allerdings auch ein Ding der Unmöglichkeit sein dürfte. :-)


Aber lassen wir Silvio für sich selbst sprechen, Hervorhebungen und Klammern von mir:

Unterliegen die Bankdepositen (Giralgeld/Sichtguthaben) dem Einfluß des Freigeldes?

(Erstveröffentlichung in der Zeitschrift „Die Freiwirtschaft“ 1921, S. 138.)

In einer Kritik des Freigeldes, die Dr. Heyn im Oktober 1920 in der Zeitschrift „Technik und
Wissenschaft" veröffentlichte, gelangte er zum Schluß, daß von der Verwirklichung der Pläne
Gesells abzuraten sei. Er begründete sein Urteil nicht mit einer Begutachtung des Zieles dieser
Pläne, sondern damit, daß die empfohlenen Mittel nicht wirksam seien. Er suchte
nachzuweisen, daß durch den bargeldlosen Verkehr das Freigeld wirkungslos gemacht werden könnte.

In einer Erwiderung, die im 2. Heft 1921 derselben Zeitschrift erschien, zeigte ich, daß bei jeder Hemmung
des Geldumlaufes durch die Inhaber der Bankdepositen das im Verkehr befindliche Geld zu den
Banken strömt, daß dort die Bargeldbestände zunehmen und daß dann der mit dem Freigeld
verbundene Schwundverlust die Banken zwingen würde, entweder das Geld selber in den Verkehr
zurückzupressen oder aber den genannten Verlust auf die Depositen abzuwälzen, was dann die
Inhaber dieser Depositen veranlassen würde, das Geld durch Herabsetzung ihrer Zinsforderungen
dem Verkehr zurückzugeben. In beiden Fällen würde dann der Zweck des Freigeldes doch erreicht
werden. Denn mehr, als daß das Freigeld umläuft, wird mit dem Freigeld nicht erstrebt.


Dr. Heyn suchte meine Ausführungen in einer Antwort, die gleich hinter meiner Erwiderung folgte,
damit zu entkräftigen, daß er auf Grund des Bankausweises von sieben Berliner Großbanken
ausrechnen konnte, der Schwundverlust von 5% im Jahre würde nur etwa 10 Pf. im Jahre für je
100,- RM der Kreditoren ausmachen. Jene sieben Banken hatten nämlich auf 38 179 Mill. M.
Kreditoren nur einen Kassenbestand von 2524,8 Mill. M. Aus diesen Verhältnissen folgerte Dr.
Heyn, daß man mit einem Verlust von 10 Pf. auf 100,- M. aufs Jahr berechnet, keinen irgendwie ins
Gewicht fallenden Druck auf die Depositeninhaber ausüben könnte, und daß der dem Freigeld
nachgesagte Einfluß auf den Zinsfuß darum ausbleiben würde.

Die Schwierigkeit, die Dr. Heyn entdeckt zu haben glaubt, entsteht dadurch, daß er drei
verschiedenen Personen, dem Depositeninhaber, dem Bankier und dem Bankschuldner gleichzeitig
Verfügungsgewalt über dieselbe Geldsumme einräumt. In Wirklichkeit aber kann immer nur der
eine der drei Genannten das Geld in seiner Gewalt haben. Nicht gleichzeitig, sondern nacheinander
können die drei das Geld besitzen. Nach der Ansicht Dr. Heyns verfügen die Depositeninhaber hier
über 38 179 Millionen, die sieben Bankiers über dieselbe Summe und die Schuldner der sieben
Bankiers noch einmal über die gleiche Summe!! Dabei sagt uns Dr. Heyn selbst, daß die sieben
Bankiers die 38 179 Millionen bis auf einen kleinen Rest von 2524 Millionen in den Verkehr
zurückgeworfen haben. Für alle Züge, die der Depositeninhaber macht, muß der Bankier
unmittelbar den entsprechenden Gegenzug machen. Kündigt der Depositeninhaber eine Million, so muß
der Bankier seinem Schuldner ebenfalls eine Million kündigen. Wollen die Depositengläubiger eine Hausse
dadurch erzeugen, daß sie 38 179 Millionen, die sie den Bankiers übergaben, nun selber auf den Markt bringen, so
müssen die Bankiers die gleiche Summe dem Verkehr entziehen.

Die erstrebte Wirkung wird darum ausbleiben. Für die Währung müssen wir also den
Depositengläubiger und den Bankier als eine Person, die Depositen als Kapital des Bankiers
betrachten.

Die Depositengläubiger scheiden für uns aus. Die Abmachungen zwischen den Bankiers
und den Depositeninhabern (Girokonten-Besitzer) sind ohne Belang, da sie sich für die Währung gegenseitig aufheben.
Sind die 38 179 Millionen etwa auf Abruf hinterlegt, so kann der Bankier diese Gelder auch nur auf
Abruf weitergeben. Dann wird der Bankier den größten Teil seiner Gelder in bar, d. h. in Freigeld
zur Verfügung der Depositengläubiger halten müssen. Haben aber die Depositengläubiger das Geld
auf langes Ziel, etwa ein Jahr hinterlegt, so ist ihnen auch für diese Zeit das Verfügungsrecht über
ihr Geld genommen. Im ersten Fall ist es der Bankier, der für den Umlauf des Geldes zu sorgen, der
den Verlust aus dem Schwund des Freigeldes persönlich zu tragen hat. Im anderen Fall sorgt der
Noteninhaber für den Umlauf des Freigeldes. Ein Drittes gibt es hier nicht. Und eben dieses Dritte,
das neutrale Gebiet, wo man über Bargeld verfügen kann, ohne selbst welches besitzen zu müssen,
das glaubte Dr. Heyn im Bankdepot entdeckt zu haben. Wie wir sahen, ist das ein Trugbild gewesen.
Nur der, der bares Geld in der Hand hat, verfügt wirklich über bares Geld. Meine etwaigen
Gläubiger müssen warten, bis der Wechsel verfällt oder eingelöst wird. Dann erst können auch sie
die Dinge verrichten, die man mit Freigeld verrichten kann. Dann mögen sie versuchen, ob es ihnen
gelingen kann, die Währung aus den Angeln zu heben.

Das Freigeld ist entweder im Verkehr oder auf der Bank. Und wo es sich befinden mag, übt es
denselben gleichmäßigen Druck auf den Inhaber aus, immer erinnert es ihn daran, daß das Geld
nicht am Umlauf gehemmt werden darf, und immer straft es den hart und nachdrücklich, der dies
allgemeine Gesetz mißachtet.


(Hier wird es besonders interessant:)

Zum Überfluß sei auch hier noch daran erinnert, daß zum Freigeld auch noch das Währungsamt
gehört, das die Aufgabe und die dazugehörigen Machtmittel hat, um alle Anschläge der
Börsenminen und Konterminen zu jeder Zeit und in jedem denkbaren Umfang schadlos zum
Bersten zu bringen.

Nehmen wir also den Fall an, die genannten sieben Bankiers oder die Depositeninhaber hätten die
38 179 Millionen nach und nach, wie sie so fällig wurden, ohne Rücksicht auf den Schwund
gehamstert, weil sie glaubten, daß es ihnen wie früher, so auch jetzt gelingen müßte, den gewöhnten
Zins erpressen zu können. Dann hätte sich der Einzug dieser Gelder auf dem Markt bei den
Warenpreisen fühlbar gemacht, und dann hätte das Währungsamt eingegriffen und die 38 179
Millionen durch neue Noten ersetzt. Dann hätte das Währungsamt den Druck auf den Kapitalzins
ausgeübt, den die Bankiers durch ihre Manöver auszuschalten versuchten. Das Geld der Bankiers
wäre brachgelegt, ohne daß sich auf den Märkten irgendwelcher Geldmangel zeigen würde, und
zwar solange läge es brach und dem Schwund ausgesetzt, bis daß die Bankiers, durch den Schwund
mürbe gemacht, sich zu neuen Verhandlungen auf der Grundlage des gesunkenen Zinsertrages des
Realkapitals bereit erklären würden.

Dr. Heyn fragt auch, „wo sich die großen Vorräte an Bargeld finden sollen, über welche unter dem
Einfluß des Schwundverlustes in anderer Weise verfügt werden würde als jetzt“. Er wiederholt, daß
die große Masse der Bevölkerung in normalen Zeiten überhaupt keinen Vorrat an Bargeld hat.
Leider unterläßt es Dr. Heyn, uns den Zeitraum zu bezeichnen, den er für normal hält. Versteht er
darunter die kurzen Zwischenräume von einer Krise zur anderen, oder sind es längere Perioden?
Sind es gar nur Monate oder Jahre? Wir nehmen an, daß Dr. Heyn hier unter „normalen Zeiten“
Verhältnisse versteht, wo das Geld ohne jede Störung, ohne Krisen, ohne Paniken, regelmäßig wie
die Erde um die Sonne, seine Kreise durch die Märkte zieht, wo weder Ereignisse in der Politik, in
der Wirtschaft, in der Ernte, noch Änderungen im Zinsfuß, in den Dividenden, in der
Lohnbewegung, in der Politik der Notenbanken, in der Goldproduktion usw. bestimmenden Einfluß
auf die Schnelligkeit, womit das Geld umläuft, ausüben. Dr. Heyn würde es schwer fallen, uns
solche Zeitspannen zu nennen. Normale Zeiten in diesem Sinne hat es nie gegeben. Sie gilt es zu
schaffen; das Freigeld soll sie schaffen. Heyn betrachtet und behandelt das Geld, als ob wir schon
das Freigeld hätten. Darum erscheint es ihm überflüssig, erscheint es ihm schädlich. Er warnt ja
davor. Der Geldumlauf, den das Freigeld zu einer konstanten Größe machen will, ist für Dr. Heyn
jetzt schon eine solche. Er hat als Syndikus der Handelskammer in Nürnberg die Gelegenheit
gehabt, sich mit dem Wesen der Dinge vertraut zu machen, die man Krisen, Panik, Geldschatzungen, Geldhamsterei,
Konjunktursturz usw. nennt.

Der von Morgan im Sommer 1907 an der New Yorker Börse durch
Geldhamsterei kaltblütig herbeigeführte Krach, sogar die Goldhamsterei im August 1914 ist seinem
Gedächtnis entschwunden. Heyn wird hier sagen, daß das eben die anormalen Zeiten seien. Gut,
diese anormalen Zeiten sollen aber gerade durch das Freigeld in normale Zeiten umgewandelt
werden. Für den Umlauf des Geldes soll es überhaupt keine anormalen Zeiten geben, Zeiten also,
wo das Geld gehamstert wird. Das Geld soll unabhängig von allen Ereignissen, von allen
Wünschen, unabhängig namentlich auch von den Bewegungen des Zinsfußes mit absoluter
Regelmäßigkeit umlaufen. Das ist, was mit dem Freigeld bezweckt und auch erreicht wird.
In betreff der Frage, wo die Geldvorräte seien, die es gilt, dem Einfluß des Freigeldes zu
unterwerfen, muß ich sagen, daß mich diese Frage etwas in Erstaunen setzt, da sie vom Syndikus
der Handelskammer Nürnberg kommt. Wissen die Kaufleute der alten Handelsstadt Nürnberg nicht,
daß die Preise von der Menge und von der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes abhängig sind?
Kreist das Geld nur neunmal statt zehnmal im Jahre, so genügt das vollauf, um dieselbe Wirkung
auf die Preise auszuüben, wie wenn man 1 Zehntel des Geldes gehamstert habe. Wenn nun heute die
Preise sinken oder zu sinken drohen, so überlegt man das einzelne Geschäft länger, als wenn das
Umgekehrte der Fall ist. Das Geld kreist langsamer. Nicht nur Morgan arbeitet dann auf eine Krise
hin, nein, das ganze Volk unterstützt ihn, ohne zu wollen und ohne es zu wissen, in seinem
gemeinschädlichen Unternehmen. Somit sind es nicht einzelne Geldansammlungen, die es gilt,
durch das Freigeld im Umlauf zu erhalten, nein, das gesamte im Umlauf befindliche Geld soll
kreisen, unausgesetzt kreisen.

Dr. Heyn anerkennt die Quantitätstheorie nicht. Das geht aus dem Schlußsatz seiner Entgegnung
hervor, wo er sagt, daß Ein- und Ausfuhr von Gold keinen Einfluß auf die Preise haben. Da diese
Sache nicht im Zusammenhang steht mit der hier behandelten Frage, so werde ich bei einer anderen
Gelegenheit darauf zurückkommen. Hier möchte ich nur erwähnen, daß es neben der
Quantitätstheorie nur noch eine Geldtheorie gibt, die Werttheorie. Heyn war, wie alle aus den
Hochschulen hervorgegangenen Nationalökonomen, ein Opfer des Wertaberglaubens, des
Wertgespenstes, des Wertnebels. Wer sich in dieses Labyrinth wagt, der verliert die Fähigkeit,
einfache Zusammenhänge zu verstehen, dem bleibt das Wesen des Geldes verschlossen, weil es zu
einfach ist.



So, hoffe das damit nun alle Fragen und Zweifel endgültig ausgeräumt sind! Es gibt tatsächlich nicht den kleinsten Widerspruch oder Zweifel in und an einem einem Freigeldsystem! Diese Aussage hat nun wirklich nichts mit Glauben oder Realitätsverweigerung zu tun, das Gegenteil ist der Fall!

Freigeldsysteme werden in dieser Welt perfekt funktionieren! Sie sind maßgeschneidert für Mensch, Gesellschaft & Wirtschaft!

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Signatur:
Die Lösung der sozialen Frage


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